2/2018

Ohne Risiken bleibt die Schweiz stehen

Dr. Henri B. Meier hatte lange eine leitende Position bei der Weltbank, bevor er unter anderem als langjähriger CFO von Hoffmann-La Roche grosse finanzielle und strategische Erfolge für den Konzern erzielte. Seit der Pensionierung hat er viele Unternehmen gegründet und zum Erfolg begleitet. Heute setzt er sich mit der Stiftung «Pro Zukunftsfonds Schweiz» für die Gründung eines Fonds ein, der es Pensionskassen ermöglichen soll, in Venture Capital und somit in aufstrebende Schweizer Jungunternehmen zu investieren.

Was bedeutet es für Sie, zu führen?

Führen ist die Kombination der Anstrengungen verschiedener Menschen bzw. Organisationen im Hinblick auf ein gemeinsames Ziel.

Was würden Sie einem jungen Menschen mit auf den Weg geben?

Ich sehe heute an den Universitäten bei den jungen Leuten einen zunehmenden Drang zum Unternehmertum. Sehr viele wollen etwas bewegen; dazu kann ich nur ermutigen. Generell würde ich empfehlen, sich möglichst den Aufgaben zu widmen und Ziele zu verfolgen, die einem natürlich liegen. Es gibt Leute, die zwanghaft versuchen, Karriere zu machen. Ich glaube nicht, dass das weder für sie noch die Gesellschaft gut ist.

Gilt das auch beim Thema Führen? Wie kamen Sie zu Ihren Führungspositionen?

Ja, ich denke schon. Bei mir war es schon in der Schule so, dass ich von meinen Kameraden gefragt wurde, ob ich die Führung übernehmen würde. Es war mir damals gar nicht richtig bewusst; ich wollte einfach ein Ziel erreichen und mein Umfeld hat automatisch auf mich reagiert. Warum? Ich vermute, wahrscheinlich gerade, weil ich nie explizit das Ziel hatte, eine Führungsrolle auszuüben. Zu führen war Teil meines Wesens; etwas, das für mich selbstverständlich war.

Welche Führungsqualitäten verbinden Sie mit der Schweiz?

Rückblickend über 50 Jahre auch internationaler Führungserfahrung sehe ich die Eigenart der Swiss Leadership vor allem beim sorgfältigen Abwägen zwischen den Unternehmenszielen und den Bedürfnissen der Belegschaft, die Fähigkeit, Mitarbeiter auf das gemeinsame Ziel auszurichten und ihre Treue zu und Identifizierung mit der Firma zu erreichen. Das bewährte Schweizer Prinzip «Handeln nach Treu und Glauben» scheint mir die beste Charakterisierung; das im Gegensatz zur Mehrheit der Länder, wo «Korruption» systemimmanent ist.

Woran sollten wir in der Schweiz festhalten und was müssen wir in Zukunft anders machen?

Was unsere Vorfahren charakterisierte, ist, dass sie grosse Risiken eingingen und immer wieder hohe Ziele hatten. Heute stelle ich fest, dass im Grossen und Ganzen eine Attitüde der Sicherheit besteht. Jene, die in der Vergangenheit Wohlstand akkumuliert haben, halten jetzt daran fest und sind nicht mehr gewillt, Risiken einzugehen, um die Zukunft zu gestalten. Mit dieser Einstellung bleibt die Schweiz stehen.

Auf extreme Weise zeigt sich diese Haltung beim Sparvorgang: Unsere grossen Ersparnisse werden nicht mehr ausreichend in die Realwirtschaft, also in die Arbeitsplatzschaffung investiert. Das müssen wir unbedingt ändern. Deshalb engagiere ich mich auch für die Schaffung eines «Zukunftsfonds», der es Pensionskassen ermöglichen soll, in Venture Capital und somit in aufstrebende Schweizer Jungunternehmen zu investieren, damit die Innovationsfähigkeit der Schweiz langfristig erhalten bleibt.

  • Sunnie Groeneveld
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Tags: Interview, Leadership, Persönlichkeit

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