3/2017

Zu viel Harmonie bringt keine Innovation

Worin liegt bei innovativen Unternehmen der Schlüssel zum Erfolg? Wie werden aus guten Ideen Innovationen und daraus erfolgreiche Geschäfte? Patricia Wolf, Leiterin des Zukunftslabors CreaLab und Professorin am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR) der Hochschule Luzern, über den Umgang mit Innovationen.

Ideen sind der Zündstoff für Innovationen. Frau Wolf, wann kommen Ihnen die besten Ideen?

Zukunftswissen hängt bekanntlich in der Luft, ist aber schwer zugänglich. Ich persönlich nutze zwei Zugänge zu diesem Wissen: Zum einen löse ich mich bewusst von der Arbeit und mache was ganz anderes wie spazieren gehen, Tomaten umpflanzen, die Natur beobachten. Zum anderen haben wir in unserem Zukunftslabor Methoden entwickelt, die auf den ersten Blick nichts mit Denken zu tun haben. Zum Beispiel Theater spielen. So erscheint die Essenz einer Situation und wir können sie für Innovationen verwenden. Oder wir sägen im Team Holz zu und schrauben daraus Bänke zusammen. Die Metapher daraus lässt sich für neue Ideen zu Teamprozessen nutzen.

Ideal sind ein bis zwei verrückte Ideen, in die das Unternehmen investiert.
Welchen Stellenwert haben gute Ideen für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens?

Gute Ideen sind natürlich immer wichtig. Die Herausforderung ist aber eher, aus den vielen guten Ideen die richtigen auszuwählen und sie erfolgreich umzusetzen. Ein Unternehmen lebt ja nicht nur von den Innovationen, die auch für eine gewisse Instabilität und Unsicherheit stehen. Es braucht die gesunde Balance zwischen Beständigkeit und Veränderung. Ideal sind ein bis zwei verrückte Ideen, in die das Unternehmen investiert. So verfügt es immer noch über genügend Ressourcen, um Bestehendes zu pflegen und weiterzuentwickeln. Für die Verantwortlichen im Unternehmen bedeutet das, den eigenen Markt im Auge zu behalten, aber auch über den Tellerrand zu blicken. Wer diesen Schritt unterlässt, dem widerfährt möglicherweise das Gleiche wie der dem Unternehmen Kodak: Dieses hat die Digitalfotografie zu wenig ernst genommen und den Anschluss verpasst – und das, obwohl die erste digitale Kamera im eigenen Haus entwickelt wurde.

Patricia Wolf, Leiterin des Zukunftslabors CreaLab und Professorin am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR) der Hochschule Luzern.
Was für Bedingungen braucht es, damit in einem Unternehmen gute Ideen entstehen und umgesetzt werden können?

Die Innovations- und Firmenkultur spielt eine zentrale Rolle. Jeder Betrieb ist unterschiedlich konfiguriert und strukturiert. Es gibt verschiedene Typen: «Selbstinnovatoren» etwa arbeiten erfolgreich in internen Teams, weisen aber Mängel in der Marktbeobachtung auf. «Suchende Innovatoren» sind nach aussen hin stark engagiert, verfügen aber über wenig interne Strukturen, damit die Mitarbeitenden Ideen einbringen können. Erfolgreiche Unternehmen haben flache Strukturen, geben Verantwortung an die Mitarbeitenden ab und ermöglichen eine schnelle und unkomplizierte Anschubfinanzierung neuer Projekte.

Die Schweizer Firmen sind in der Tat erfolgreich darin, Ideen zu generieren und umzusetzen.
Die Schweizer Unternehmen gelten als die innovativsten der Welt. Haben sie besonders gute Ideen?

Die Schweizer Firmen sind in der Tat erfolgreich darin, Ideen zu generieren und umzusetzen. Ein wichtiger Grund dafür sind die ausreichend vorhandenen Ressourcen. Manche Firmen, vor allem mittlere und grössere, betreiben eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Sie können Freiräume schaffen und sich auch an Neues heranwagen.

Im WEF-Ranking wurde die Schweiz bereits acht Mal in Folge als wettbewerbsfähigstes Land der Welt klassifiziert.
Was macht die Schweiz im Innovationsbereich besonders vorbildlich?

Im WEF-Ranking wurde die Schweiz bereits acht Mal in Folge als wettbewerbsfähigstes Land der Welt klassifiziert. Das liegt daran, dass das Innovationsökosystem sehr gut ist: Schweizer Firmen arbeiten eng mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen. Das politische System und die Infrastruktur sind stabil und vertrauenswürdig – und damit innovationsförderlich. Und Schweizer Unternehmen ziehen die besten Talente an. Schliesslich sind sie führend in vielen technologischen Entwicklungen und geniessen weltweit einen hervorragenden Ruf.

Studien zeigen, dass Firmen innovativer sind, wenn sie das Kollektiv, also die Mitarbeitenden, mit einbeziehen.
Gute Ideen sind das eine, ein erfolgreiches Innovationsmanagement das andere. Was gilt es in diesem Bereich zu beachten?

Um Innovationen zu entwickeln und umzusetzen, braucht es Projektteams, in denen Menschen aus verschiedenen Abteilungen zusammenarbeiten. Als hilfreich hat sich die Arbeit mit Prototypen erwiesen, die allen Beteiligten die Weiterentwicklung einer Idee erleichtert. Viele Unternehmen arbeiten mit Zirkeln, in denen Ideen und Innovationen die Runde machen, diskutiert, ergänzt und verfeinert werden, bis sie passen. Wichtig ist zudem kein lineares, sondern ein äusserst agiles Projektmanagement.

Was halten Sie von Modellen wie etwa dem «kontinuierlichen Verbesserungsprozess»?

Wenn Firmen die Ideen der Mitarbeitenden ernst nehmen und zeitnah weiterverfolgen, sind sie sicher hilfreich. Doch in vielen Fällen regt diese Form des Ideenmanagements Innovationen nicht an. Die Anreize stimmen nicht, wenn das System mit langen Prozessen und Entscheidungswegen verbunden ist. Hilfreicher sind Prozesse mit offenem Charakter, bei denen jeder hinzustossen und sich einbringen kann. Man erhält direkte Rückmeldung. Diese Form hat sich in KMU-Betrieben bereits vielfach bewährt.

Manche Schweizer Firmen bewegen sich zwischen Tradition und Moderne. Was bedeutet es für die Firmen, in diesem Spannungsfeld zu agieren?

Man spricht hier auch von Innovationsparadoxien. Beide Seiten sind wichtig, sowohl das Alte und Bewährte wie auch das Neue. Es gibt dazu kein Patentrezept. Jede Firma muss für sich einen Weg finden, wie sie beides kombinieren kann.

Man schafft den Blick über den Tellerrand nicht, wenn man sich nur mit sich selbst beschäftigt.
Früher waren in inhabergeführten Betrieben scheinbar vor allem die Patrons für Innovationen zuständig. Heute werden vermehrt die Mitarbeitenden in den Innovationsprozess miteinbezogen. Sind die heutigen Firmenchefs weniger innovativ?

Nein, es gibt selbstverständlich auch heute innovative Firmenchefs. Studien zeigen allerdings, dass Firmen innovativer sind, wenn sie das Kollektiv, also die Mitarbeitenden, mit einbeziehen. Eine Person weiss nicht über alles Bescheid. Man schafft den Blick über den Tellerrand nicht, wenn man sich nur mit sich selbst beschäftigt. Auch zu viel Harmonie bringt keinen innovativen Geist hervor. Es braucht reibende und störende Elemente, damit man weiterkommt. Ich denke, dass es früher nicht allein die Patrons waren, die Innovationen hervorgebracht haben. Das scheint mir ein Mythos zu sein. Sie haben aber das passende Umfeld für Innovationen und Erfolg geschaffen. Heute hat unter dem Motto «unbossing» ein Gegentrend zum patrongeführten Unternehmen eingesetzt.

Wird die Schweiz in Zukunft ihren Spitzenplatz als innovativstes Land der Welt behaupten können?

Kurzfristig betrachtet hat die Schweiz gute Karten, wenn sie im globalen Wirtschaftssystem künftig gut aufgestellt ist. Langfristig werden Werte wie Lebensqualität, Umwelt oder soziale Netzwerke eine zentrale Rolle spielen, um gut ausgebildete Mitarbeitende zu gewinnen. Diese Menschen prägen die Innovationskraft eines Landes.

Prof. Dr. Patricia Wolf | Dozentin

Patricia Wolf ist Dozentin und Projektleiterin am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR) der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Mit Zukunftsszenarien und Innovationen beschäftigt sich Patricia Wolf unter anderem als Leiterin des Zukunftslabors «CreaLab» der Hochschule Luzern und als Mitglied im Spin-off-Verein «interspin CreaLab», der Firmen und Organisationen bei Zukunftsherausforderungen berät.

Welches Innovationsprofil hat Ihr Unternehmen?

Der Innovationskulturführer

Für KMU mit diesem Profil ist Innovationsmanagement zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur und -strategie.

Der suchende Innovator

Er gewinnt innovative Ideen aus Gesprächen mit Forschern, Kunden und Angehörigen von Unternehmen aus derselben Branchen in Wirtschaftsverbänden. Zudem beobachtet er den Markt kontinuierlich.

Der traditionelle Selbstinnovator

KMU mit diesem Innovationsprofil verwenden vor allem die internen Kompetenzen der Mitarbeitenden, um neue Produkte und Dienstleistungen weiter zu entwickeln und um neue Produktionstechnologien und -verfahren zu erfinden und umzusetzen.

Der Selbstinnovator Filiale

Er ist eine Variation des traditionellen Selbstinnovators. Er ist stark abhängig von einem Mutterhaus. Dieses gibt meist vor, welche Innovationen mit welchem Budget umgesetzt werden.

Der Innovationsnovize

Der Geschäftsleiter eines KMU mit diesem Innovationsprofil glaubt nicht, dass er Innovationen nötig hat. Er führt seit langer Zeit ein erfolgreiches (Kleinst-)Familienunternehmen, das in einem Markt mit konstanter Nachfrage tätig ist.

Links:
  • Fabrice Müller
  • Text

Tags: Innovation, Interview, Persönlichkeit

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