Zum Glück Multikulti!

9. Juni 2020
2/2020

Immer wieder tauchte in den letzten Jahren in meinungsmachenden Schweizer Medien der Vorwurf auf, dass sich Spieler des Schweizer A-Nationalteams nicht mit unserem Land identifizieren. In einem 15 Jahre alten Video ist zu sehen, dass praktisch kein Spieler die Nationalhymne mitsingt. Damals war das kein Problem – und es sollte auch heute keines sein!

Ob ein Spieler die Nationalhymne – ob kräftig oder nicht – mitsingt, erachte ich für die Identifikation mit dem Team nicht als prioritär. Vielmehr geht es darum, dass er auf dem Platz alles gibt und das Land auf diese Weise würdig vertritt. Die Spieler betonen immer wieder, dass sie das zu tun bereit sind, dass sie sich «zerreissen», dass sie sich im Nationaltrikot wohlfühlen und so ihren Beitrag dazu leisten, die Nation hinter sich zu haben.
Bei den grössten Erfolgen des Schweizer Fussballs der Neuzeit – dem Überstehen der Gruppenphasen an Welt- und Europameisterschaften, beim U-17-WM-Titel 2009 oder dem EM-Titel der U-17 sechs Jahre davor, beim EM-Final der U-21 im Jahr 2011 oder bei den erstmaligen EM- und WM-Teilnahmen des Frauen-Nationalteams – spielten immer Secondos und Secondas eine wichtige Rolle. Wir haben in der Schweiz verschiedene Hautfarben, verschiedene Religionen, verschiedene sexuelle und politische Orientierungen. Unsere Mannschaften repräsentieren alle, und wir respektieren alle. Es ist keine Floskel, wenn ich schreibe, dass Fussball – und Sport generell – eine integrative Wirkung hat.
Dass der oben erwähnte Palmarès zustande kam, hat nicht nur mit den Spielerinnen und Spielern zu tun, sondern auch mit ihren Trainerinnen und Trainern, den Leadern. Unterschiedliche innere und äussere Einflüsse wie kulturelle Hintergründe, verschiedene Sprachen oder Altersstufen, Veränderungen in der Medienwelt und in der Persönlichkeitsentwicklung der Mannschaft erfordern auch von den Coaches eine ständige Adaptation an neue Situationen, ein feines Sensorium, Wachsamkeit und Mehrsprachigkeit, wenn man allen Ansprüchen gerecht werden will.
Diese Personen haben es geschafft, all diese Kriterien erfolgsbringend zu vereinen, gepaart mit dem notwendigen Wettkampfglück. Die Schweiz kann, darf und soll stolz darauf sein, was Trainerinnen und Trainer, ob mit Schweizer Pass oder ohne, mit Spielerinnen und Spielern, ob mit «urschweizerischen» oder ausländisch klingenden Namen, erreicht haben. Es ist ein gelungenes Beispiel von Integration und Identifikation mit unserem Land.
  • Pierluigi Tami
    Direktor der Nationalteams im Schweizerischen Fussballverband (SFV)