Wir «Zauberlehrlinge» der New Economy

4. März 2021
1/2021

Die Coronakrise hat 2020 in der globalen Arbeitswelt grosse Verwerfungen ausgelöst. Doch was bleibt vom Homeoffice und von digitalen Dammbrüchen übrig, wenn der letzte Lockdown gelockert und eine Mehrheit der Menschheit gegen das Virus geimpft ist? Einigkeit herrscht vor allem darüber, dass es nie mehr sein wird, wie es war.

Leere Züge, Busse und Trams, dies mitten in der «Rushhour». Was sich im letzten Jahr ab Mitte März in Schweizer Städten abspielte, hatte etwas Unheimliches, fast Apokalyptisches. Hunderttausende Arbeitnehmer*innen verliessen über Nacht fast fluchtartig die Büros und richteten sich im Homeoffice ein. Nicht wenige sind bis heute dortgeblieben und wollen am liebsten gar nicht mehr zurück.
Das es zu einem permanenten Auszug aus dem Corporate Office kommen dürfte, bestätigen Grosskonzerne auf Anfrage. Bei der UBS etwa heisst es, dass Corona eine nachhaltige Verlagerung von bis zu 30 Prozent der globalen Arbeitsplätze ins Homeoffice nach sich ziehen dürfte. Dies werde sich auf den «Immobilien-Footprint» der UBS auswirken, so die Bank. Zahlen dazu gebe es noch nicht.
Bei der UBS dürfte Corona eine nachhaltige Verlagerung von bis zu 30 Prozent der globalen Arbeitsplätze ins Homeoffice nach sich ziehen.
Bei Swisscom haben laut Mediensprecherin Sabrina Hubacher schon vor Corona 75 Prozent der Mitarbeitenden regelmässig von zu Hause aus gearbeitet. Gegenwärtig sind es 85 Prozent. Weniger dürften es so rasch nicht mehr werden: Etliche Arbeitsplätze bleiben in grossen Bürokomplexen leer, mit noch nicht absehbaren Folgen. «Es ist im Moment zu früh, aus der Coronazeit gesicherte Erkenntnisse für den künftigen Flächenbedarf von Swisscom abzuleiten», so Hubacher. Die Tendenz aber scheint klar.
Nicht so recht zum coronabedingten Büroexodus mag daher das Bild von gewaltigen Geschäftsimmobilien passen, die auch in Pandemiezeiten ungebremst in den Himmel wachsen. Beispiel ist das Milliardenprojekt «The Circle» am Flughafen Zürich, wo mit der Eröffnung Anfang November satte 70’000 Quadratmeter neue Büroflächen auf den Markt geschwemmt wurden. Fast alles davon wurde bereits vor Ausbruch der Viruskrise vermietet. Noch nicht absehbar ist, wie viele Arbeitsplätze nach Corona tatsächlich bezogen werden.
Auch in Basel wird geklotzt statt gekleckert. Mit dem Bau von «Turm 2» ist der Pharmariese Roche gerade dabei, das erste Schweizer Gebäude mit einer Höhe von über 200 Metern zu errichten. Die Eröffnung ist für Frühling 2022 geplant. Ende 2020 hat Roche die Vision für einen dritten Turm vorgestellt, der noch höher ist. Wann dieser realisiert wird, steht noch nicht fest. Die neuen Türme werden die Zahl der heute verfügbaren Arbeitsplätze auf dem Areal in Basel um mehrere Tausend erhöhen. Hat man hier an der neuen Realität vorbeigeplant?
Der Arbeitsplatz wird künftig noch stärker zum Ort der Begegnung und des gegenseitigen Austauschs für Ideen und zukunftsweisende Lösungen.
— Jan Eckert, JLL Schweiz
Bei Roche winkt man an ab. «Das Unternehmen ist überzeugt, dass Innovation insbesondere im persönlichen Austausch entsteht», so Sprecherin Nina Mählitz. Man sei trotz Krise überzeugt, dass neue attraktive Büroplätze im Herzen der Stadt den Ansprüchen der Mitarbeitenden an eine zunehmende Flexibilisierung der Arbeit gerecht würden. Gleichwohl habe die Coronapandemie auch bei Roche die Erkenntnis gestärkt, dass viele Mitarbeitende einen beträchtlichen Teil der Arbeit gut von zu Hause aus erledigen könnten. Die identischen Argumente und Stichworte wie Flexibilisierung und Homeoffice haben beim Konkurrenzkonzern auf der anderen Rheinseite zu einem konträren, auf den ersten Blick logischeren Schritt geführt. Der wachsende Wunsch der Mitarbeitenden für Heimarbeit habe Novartis dazu bewogen, sämtliche Hochhauspläne vorderhand zu sistieren, liess sich der Konzern im letzten Herbst zitieren. Derweil dürften bei Roche die vielen neuen Turmbüros künftig zwar genutzt werden, wohl aber im hohen Masse in Teilzeit.
All das sind Symptome einer nachhaltigen Veränderung der Arbeitskultur. Dass Corona die im Homeoffice absolvierten Stunden und Tage markant erhöhen wird, steht ausser Zweifel. Das belegt auch eine gegen Ende 2020 veröffentlichte Studie der internationalen Immobiliendienstleisterin Jones Lang Lasalle (JLL) AG in der Schweiz. Von den 318 befragten Unternehmen in der Deutschschweiz und der Romandie setzt die Hälfte künftig dezidiert und bewusst auf mehr Heimarbeit. Nur jedes zehnte Unternehmen will diese Option seinen Mitarbeitenden grundsätzlich nicht zur Verfügung stellen. Dagegen sagen 29 Prozent der befragten Firmen, künftig weniger Bürofläche zu brauchen. Der Trend ist weltweit zu beobachten.
«In der Summe wird der Leerstand in den nächsten Jahren sicherlich ansteigen, nicht zuletzt auch kurzfristig wegen der wirtschaftlichen Einbrüche als Folge der Pandemie», prognostiziert Jan Eckert, Geschäftsführer von JLL Schweiz. Gleichwohl sieht er auch plausible Argumente für das Vorgehen etwa von Roche. Denn die Umfrageresultate seien trotz einer offenkundigen Zunahme von Homeoffice nicht zwingend so zu verstehen, dass Büros nicht mehr gebraucht würden. «Stattdessen wird sich ihre Rolle ändern, was einem bestehenden Trend entspricht, der durch Corona beschleunigt wird.» Der Arbeitsplatz werde künftig noch stärker ein Ort der Begegnung und des gegenseitigen Austauschs, wo gemeinsame Ideen und zukunftsweisende Lösungen entstünden, so die Überzeugung Eckerts. Denn die Erhebung von JLL Schweiz hat auch ergeben, dass vielen Arbeitgebern nicht nur die Produktivität der Mitarbeitenden wichtig ist, sondern auch ihr aktives Teilhaben und Mitgestalten der Firmenkultur. Dafür muss man nicht acht bis neun Stunden pro Tag in Reih und Glied im gleichen Raum sitzen. Passend dazu hat JLL herausgefunden, dass 46 Prozent der befragten Unternehmen den beanspruchten Flächenbedarf pro Mitarbeiter mittels «Desk Sharing» reduzieren möchten.
Was die Fluten der Digitalisierung mit sich reissen und was übrig bleibt, können sich viele Menschen in der Komplexität noch gar nicht vorstellen.
— Günther Wagner, Innovationsscout
Neben der Frage, wo Arbeitnehmer künftig physisch ihren Aufgaben nachgehen werden, könnte Corona daher für den Berufsalltag auch eine Zeitenwende auf der atmosphärischen Ebene bewirken. Wie kann zum Beispiel die geforderte Flexibilität sowohl bei Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern wirklich entstehen respektive anerzogen werden? Und wie bleiben auch bei einer physischen Distanz Teams im Geiste vereint, werden Arbeiten sauber und seriös erledigt?
Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel, deren Tempo mit Corona als Katapult sich impulsartig erhöht hat. Für die Gesamtwirtschaft gehe dieser aktuelle Prozess weit über die boomenden Video-Kommunikationstools wie «Meet» oder «Teams» hinaus, sagt Günther Wagner. Der österreichische Innovationsscout und systemische Berater sammelte in seiner Funktion als Vordenker schon einige Auszeichnungen und gehört im deutschsprachigen Raum zu den Top-25-Meinungsmachern von HR-Themen im Netz.
Wagner bezeichnet Corona als Auslöser eines digitalen Dammbruchs. «Was die Fluten mit sich reissen und was übrig bleibt, können sich viele Menschen in der Komplexität noch gar nicht vorstellen», glaubt er. Für ihn sind Homeoffice und neue Arbeitsweisen nur die ersten sichtbaren Miniwellen, die über den im Bersten begriffenen Damm hinwegschwappen. Bald werden viel grössere Fluten kommen. So wurden speziell in der Zeit seit Ausbruch von Corona in etlichen Unternehmen zahlreiche digitale Projekte und Prozesse lanciert mit dem Ziel, möglichst alle repetitiven Tätigkeiten durch Sensoren, Algorithmen und Roboter zu ersetzen. Was dies alles nach sich zieht, werden erst die kommenden Jahre zeigen.
Wir haben in unseren Systemen keinerlei Kontrollmechanismen wie Tracking von IT-Aktivitäten eingebaut, um die Leistung oder das Verhalten von Mitarbeitenden zu erfassen.
— Nina Mählitz, Sprecherin Roche
Vorübergehend beschäftigen wir uns vor allem mit der Frage, was die Verlegung von immer mehr Tätigkeiten und beruflichen Chargen in die eigenen vier Wände der Arbeitnehmenden für das Thema Führung bedeutet. Wird sie erschwert, da weniger persönliche Betreuung oder Kontrolle möglich ist? Für HR-Spezialisten ist diese Frage komplett aus der Zeit gefallen. «Vertrauen ist unabdingbare Grundvoraussetzung für eine motivierte Arbeitseinstellung», sagt Marek Dutkiewicz, Gründer des Beratungsunternehmens HR Campus und Gewinner des «Entrepreneur Of The Year 2020»-Awards von Ernst & Young. «Die Generation, die kontrollierte und kein Vertrauen hatte, stirbt aus.» Stattdessen sei die kollaborative Führung im Trend, was sich mit Corona noch viel deutlicher akzentuieren werde. Wer jetzt in alten Mustern verharre, werde die besten Talente reihenweise an die Konkurrenz verlieren.
Dieses Lehrstück ist in grossen Unternehmen denn auch zu beobachten. «Seit März 2020 haben wir verstärkt erkannt, dass physische Präsenz nicht ausschlaggebend ist für gute Führung, sondern Vertrauen in die Zusammenarbeit, klare Ziele und ein strukturierter Umgang mit den verwendeten Kommunikationsmitteln», schildert Sprecherin Sabrina Hubacher die jüngste Entwicklung bei Swisscom.
Auch bei Roche wird auf eine Kultur von Eigenverantwortung und gegenseitigem Vertrauen gesetzt. Deren effektive Wirksamkeit sei in den vergangenen Coronamonaten, die von Homeoffice geprägt waren, eindrücklich unter Beweis gestellt worden, sagt Sprecherin Nina Mählitz. «Wir haben in unseren Systemen keinerlei Kontrollmechanismen wie Tracking von IT-Aktivitäten eingebaut, um die Leistung oder das Verhalten von Mitarbeitenden zu erfassen.» Zum Einfluss von Corona auf das Thema Führung lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt keine pauschale Aussage treffen. Grundsätzlich habe man intern beobachtet, dass Führung und Zusammenarbeit über virtuelle Kanäle gut funktionierten. «Dies hat das Vertrauen in flexible Arbeitsmodelle, wie sie bei Roche vor der Pandemie vorhanden waren, nochmals gestärkt.»
Die Führung muss in digitalen Zeiten die drei Kernprobleme ,Komplexitätsfalle‘, ,Machtverschiebung‘ und ,Identitätsfrage‘ meistern.
— Organisationspsychologe Peter Kruse
Als unmittelbare Herausforderung für die Führung bezeichnet Günther Wagner die sich mit Corona dammbrechende Digitalisierung. Er zitiert in diesem Zusammenhang gern den leider verstorbenen deutschen Organisationspsychologen Peter Kruse: «Es ist leicht, ein vernetztes System zu erzeugen, aber es ist bei Weitem nicht so leicht, angemessen mit den Wirkungen der Vernetzungen umzugehen.» Nach Kruse, für den viele Unternehmen in Sachen Digitalisierung wie Zauberlehrlinge agieren, muss die Führung in digitalen Zeiten die drei Kernprobleme «Komplexitätsfalle», «Machtverschiebung» und «Identitätsfrage» meistern.
Von zentraler Bedeutung für das Gefüge in Unternehmen werde sein, ob sich digitale Befürworter (Nerds) und Skeptiker einander genügend rasch annähern können. Von der einen Seite erfordere dies kurz- und mittelfristig viel Akzeptanz für traditionelle Ideen und Prozesse, von der anderen Seite Mut zum Aufbruch, die sogenannte «New Economy» oder «Network Economy» (Kruse) als unvermeidbaren Entwicklungsschritt in die Zukunft anzunehmen. Wir befinden uns hier wohl an einer Schwelle.
Der 24-seitige SKO-Ratgeber «Homeoffice», zeigt auf, wie Unternehmen auf diese Bedürfnisse eingehen und ihre Arbeitsmodelle anpassen müssen – und beantwortet auch 11 arbeitsrechtliche Fragen dazu. www.sko.ch/homeoffice
Anzeige