Nachhaltigkeit wird messbar 

23. November 2020

Was einen Einfluss haben soll, muss bewertet werden können: Das gilt auch für die Nachhaltigkeit. Damit insbesondere KMU direkt von ihrer Nachhaltigkeit profitieren können, braucht es einen einheitlichen Massstab. Das Zentrum für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit CCRS an der Universität Zürich hat ein Bewertungssystem entwickelt. 

Bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen wird den Unternehmen auf der nationalen und internationalen Ebene eine zentrale Rolle zugeschrieben. Sie haben das Potenzial, zu einer inklusiven wirtschaftlichen Entwicklung und somit zu weniger Armut und Ungleichheit beizutragen. Ist die Nachhaltigkeit im Kerngeschäft eines Unternehmens verankert und nicht als (philanthropisches) Anhängsel am Rande der Organisation zu Werbezwecken positioniert, zahlt sich die langfristige, zukunftsorientierte Perspektive auch wirtschaftlich aus. Die COVID-19-Krise zeigt, dass finanziell nachhaltig wirtschaftende Unternehmen widerstandsfähiger sind und auch ihre soziale Verantwortung besser wahrnehmen können. Sie setzen alles daran, ihre Mitarbeitenden in der Krise im Betrieb zu halten, wodurch sie an Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft gewinnen.

Noch spielt Nachhaltigkeit kaum eine Rolle

Wie können aber Firmen ihre Nachhaltigkeitsleistungen gegenüber den Stakeholdern sichtbar machen und in Wert setzen? Diese Frage ist entscheidend. Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die den grössten Bedarf an Unternehmenskrediten (80 Prozent) haben, spielen die nicht finanziellen Leistungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social, Governance, ESG) beim Kreditvergabeprozess noch kaum eine Rolle. Auch die Vergabe der Corona-Kredite an KMU wurde nicht an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft. Das revidierte Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen orientiert sich zwar neu neben dem Preis auch an der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit. Welche objektiven und nachvollziehbaren Zuschlagskriterien für die Nachhaltigkeit gelten, bleibt jedoch offen.
Eine Studie* des CCRS untersucht die Vielfalt der bestehenden Nachhaltigkeitsbewertungsinstrumente und kommt zum Schluss, dass eine Mess- und Vergleichbarkeit, die alle drei Dimensionen (ESG) abdeckt, von keinem privaten oder öffentlichen Anbieter offeriert wird. Ausserdem werden mehrheitlich Indikatoren verwendet, die auf einer Selbsteinschätzung basieren und somit nicht wirklich mit Zahlen belegt werden können. Kommt hinzu, dass die Methodik der Instrumente, insbesondere bei Ratings, nicht oder nur bruchstückhaft veröffentlicht wird. Die CCRS-Studie folgert, dass ein Marktversagen in der Nachhaltigkeitsbewertung von KMU besteht. Die Entwicklung solcher Instrumente läuft unkoordiniert ab, und die Anbieter solcher Instrumente decken die Bedürfnisse von Schweizer KMU nur partiell ab. Das kann für KMU wiederum zu hohen Transaktionskosten führen, weil jede Anspruchsgruppe (z.B. Banken, Versicherungen) eine andere Nachhaltigkeitsbewertung bevorzugt.

Der Prototyp des CCRS liesse sich international anwenden

Die Akteure in der Schweizer Real- und Finanzwirtschaft müssen deshalb einen Modus finden, um mess- und vergleichbare Nachhaltigkeitsbewertungskriterien und Instrumente in koordinierter Weise zu entwickeln. Das CCRS will dazu einen Beitrag leisten und hat einen ESG-Prototyp für und mit KMU in Zusammenarbeit mit der Renaissance Anlagestiftung entwickelt und getestet. Gemeinsam mit wichtigen Schweizer Finanz- und Versicherungsinstituten und einem spezialisierten Daten- und Softwareunternehmen soll dieser weiterentwickelt und auf den Markt gebracht werden. Ziel ist es, ein standardisiertes ESG-Bewertungsinstrument für KMU zu schaffen, das die Anforderungen an die Mess- und Vergleichbarkeit erfüllt und gleichzeitig praktikabel, aussagekräftig, ausbaufähig, transparent und kompatibel ist mit internationalen Vorgaben, sich gut für die interne Unternehmenssteuerung eignet und mit geringen Transaktionskosten verbunden ist. Die zuständigen eidgenössischen Departemente sehen zwar keine direkte Rolle des Staates. Sie würden es jedoch begrüssen, wenn sich ein solches Bewertungsinstrument zu einem nationalen «ESG 4 KMU»-Rating-Standard entwickelte. Dessen Nachhaltigkeitskriterien könnten auch bei Ausschreibungsverfahren eingesetzt werden, und das Tool liesse sich gar über die Landesgrenzen hinaus anwenden.
Anzeige
  • Isabelle Schluep
    Leiterin des Bereichs Nachhaltige Wirkung am Zentrum für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit CCRS 
    Universität Zürich