«Momente, die glücklich machen»

02.12.2021
4/2021
  • Inspiration

Corinna Virchow und Mario Kaiser haben mit der Plattform Salz + Kunst ein Angebot geschaffen, in dem das Publikum sich künstlerische Performances bestellen kann – auch für den ganz kleinen Rahmen. Das Projekt ist ein Kind der Pandemie, eröffnet aber ungeahnte neue Perspektiven für Kulturschaffende.

    

«Salz + Kunst ist eine Web-Plattform, auf der ein zahlendes Publikum und Kunstschaffende zusammenfinden. Darüber hinaus wird es aber auch zunehmend zu einem Ideal und einem Labor, in dem wir uns mit den Fragen beschäftigen, wie man die Beziehung zwischen dem Publikum und den Künstlerinnen und Künstlern weiterführend gestalten kann, wie neue Bühnen erschlossen werden können und nicht zuletzt auch, wie ein zivilgesellschaftliches Engagement für die Kunst in Zukunft aussehen könnte.

    

Wen es nach Kultur oder Kunst gelüstet, der kann auf der Plattform anfragen und bekommt Kunstschaffende vermittelt.

    

Zusammen mit Mario gebe ich seit 2016 ‹Avenue› heraus – das ist eine populärwissenschaftliche Zeitschrift für Geistes- und Sozialwissenschaften. Aus dieser Wissensvermittlungsidee heraus haben wir uns überlegt, wie man Wissen ‹on demand› anbieten kann. Meistens ist es ja so, dass man einen Inhalt anbietet und hofft, dass er gelesen wird; dass die Leute sich freuen und merken, wie viel Zeit und Mühe darin steckt.

Wissensvermittlung könnte ja aber auch funktionieren, indem man erstmal zuhört, was die Leute wissen wollen und was ihre Fragen sind. Momentan sitzen wir also an einer App, die sich der ‹non-googleable questions› annehmen soll: Dort soll es darum gehen, dass man auf seine Fragen nicht einfach unendlich viel Open-Access-Material bekommt, sondern sogleich an Expertenwissen herangeführt wird – so ein bisschen wie ein Wissens-Tinder. Daran arbeiten wir auch weiter.

Aus dieser On-Demand-Idee ist dann aber auch noch etwas ganz anderes entstanden: Zu Beginn der Pandemie trafen wir unterwegs auf eine Freundin, eine Sängerin, die uns erzählte, dass sie durch diese Coronasituation überhaupt keine Chance hatte aufzutreten. Sie steckte also wie fast alle Kunstschaffenden, die ihren Lebensunterhalt mit Auftritten vor einem zahlenden Live-Publikum verdienen, mit einem Mal in einer existenziellen Krise, bei der es keinesfalls nur um das Geld ging, sondern auch um ihr Gefühl, nicht zu ‹sein›, wenn sie nicht singen kann.

Das führte uns zur Überlegung, dass man unser On-Demand-Schema nicht nur für die Beziehung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft nutzen kann, sondern eben auch für diejenige zwischen Publikum und Kunstschaffenden. Das Resultat war Salz + Kunst. Das Prinzip ist immer noch das gleiche: Wen es nach Kultur oder Kunst gelüstet, der kann auf der Plattform anfragen und bekommt Kunstschaffende vermittelt, die in einem den Massnahmen angepassten Rahmen performen können.

Momentan sind in etwa 100 Kunstschaffende auf der Plattform vertreten. Die kamen anfangs ziemlich schnell zusammen, insbesondere zu der Zeit, als die Coronamassnahmen noch deutlich strenger und Auftritte in geschlossenen Sälen praktisch unmöglich waren.

Dann sind schon einmal zwischen 20 und 40 Verkäufe pro Woche über die Bühne gegangen. Durch die Lockerungen der Massnahmen ging die private Nachfrage nach Kunst wieder ein bisschen zurück. Jetzt stellen wir aber fest, dass eine Verlagerung vom privaten in den halböffentlichen Raum stattfindet: Jetzt kommen Gastrobetriebe und andere mittelgrosse Privatveranstalter auf uns zu.

     

Hier kann das Publikum nach der Kunst fragen, die es sich wünscht, und ist nicht ans Angebot des Tages gebunden.

     

Die wichtigste Erkenntnis war für uns, dass das Innovationspotenzial hier sehr gross ist. So haben wir uns beispielsweise auch sehr stark mit der Konkurrenzthematik auseinandergesetzt. Mit unserer Plattform nehmen wir niemandem etwas weg, der ‹Kuchen› wird damit eigentlich vor allem grösser: Die Leute gehen nicht weniger ins Theater, nur weil sie sich das Theater nach Hause holen können, das kann im Gegenteil Lust auf mehr machen. Ausserdem stellen wir fest, dass manchen Menschen der Zugang zur Kunst im typischen öffentlichen Angebot fehlt – sei es aus Zeit- oder Geldgründen oder auch wegen Sprachbarrieren. Auch dort konnten wir mit Salz + Kunst anknüpfen: Hier kann das Publikum nach der Kunst fragen, die es sich wünscht, und ist nicht auf das angewiesen, was am gleichen Abend in der eigenen Stadt angeboten wird.

In Zukunft möchten wir aber vor allem auch ein paar kleine Interventionen starten, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was hier eigentlich gerade entsteht: So ein Kunsterzeugnis in einem so intimen und privaten Raum zu erleben, hat eine ganz eigene Qualität, und der Gänsehautmoment ist gut und gerne genauso intensiv, wie wenn man im Theater sitzt und der Vorhang aufgeht. Diese neuen Bühnen haben neue Formate erzeugt, und wir haben gemerkt, wie schade das wäre, wenn es jetzt wieder aufhört.

     

So ein Kunsterzeugnis in einem so intimen und privaten Raum zu erleben, hat eine ganz eigene Qualität.

    

Einerseits ist es eine Möglichkeit für Kunstschaffende, sich zu zeigen. Gleichzeitig finden wir auch, dass es viel mehr Gebrauchskunst bräuchte oder Alltagskunst – kleine Momente also, die glücklich machen. Diese kleinen Kunstereignisse möchten wir dementsprechend fördern, um den Leuten zu zeigen, wie wichtig und schön es ist, Musik zu hören oder jemanden zu sehen, der malt – man sollte irgendwie drüber stolpern. Es geht nicht darum, Kunst auf Teufel-komm-raus zu vermitteln, sondern auch darum, zu spüren, wie diese Beziehung zwischen Menschen funktioniert.»

Aufgezeichnet von Jessica Schön