KI ersetzt keinen Anwalt 

23. November 2020
4/2020

Viele Fachspezialisten fürchten, durch künstliche Intelligenz ersetzt zu werden. Dabei demonstriert die praktische Erfahrung, dass KI zum Menschen in einer symbiotischen Beziehung steht und nicht im Konkurrenzverhältnis. Das zeigt sich am Beispiel des Recherche-Assistenten von legal-i und Insurtech. 

In meinen ersten Jahren als Rechtsanwalt in einer Anwaltskanzlei fragte ich mich bald: Habe ich wirklich sieben Jahre studiert, um achtzig Prozent meiner Zeit mit Dokumentenstudium zu verbringen? Und nur zwanzig Prozent mit Arbeit, die ich eigentlich spannend finde, wie der Analyse, der Beantwortung strategischer Fragen, der Argumentation und dergleichen? Sollte dieses Verhältnis nicht gerade umgekehrt sein? Diese Frage wurde zum Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz, KI.
Mein besonderes Interesse galt logischerweise den Rechtsgebieten, in welchen Jurist/innen der wohl grössten Dokumentenflut des modernen Alltags ausgesetzt sind: dem medizinischen Versicherungsrecht, wie etwa bei Fällen im IV-, Unfallversicherungs-, Krankentaggeld-, Krankenkassen-, BVG-, Lebensversicherungs-, Haftpflichtrecht usw. In all diesen Bereichen müssen Juristen besonders viele medizinische Akten studieren und bewerten.

Künstliche Intelligenz «liest» schneller

Diese Fälle umfassen meist zwischen 400 und 5’000 Seiten und nicht selten über 200 verschiedene Dokumente. Ein einzelnes Dokument kann dabei allein 200 Seiten lang sein, z.B. medizinische Gutachten. Andere sind wiederum nur 1–5 Seiten lang. Offensichtlich kostet es hochqualifizierte und teure Versicherungsspezialisten, Versicherungsärzte, Gutachter, Anwälte, Rechtsschutzversicherungen sowie Richter extrem viel Zeit, diese Fälle durchzusehen. Und das Wesentliche darin zu finden.
Die Suche nach relevanter Information in riesigen Datenmengen gehört jedoch nicht zu den Stärken des Menschen. Haben Sie schon einmal versucht, ein Telefonbuch durchzulesen und alle Vornamen mit Hans rauszuschreiben? Und diese Vornamen dann ohne technische Hilfe nach geografischem Gebiet und nach Alter zu ordnen? Wohl nicht. Genau so geht es aber Versicherungsspezialisten, die in Hunderten von medizinischen Seiten nach bestimmten Diagnosen suchen. Um etwa beurteilen zu können, ob ein Gutachter alle relevanten Diagnosen des Falles berücksichtigt hat.
Der Mensch verliert seine Konzentration bei repetitiven Aufgaben wie der Informationssuche relativ schnell, und seine Fehlerquote nimmt exponentiell zu. Dies im Gegensatz zur KI: Sie findet relevante Informationen und Muster in Tausenden von Datensätzen schnell und ohne zu ermüden.

Der Mensch ist besser im Kontextschaffen

KI hat aber auch ihre Schwächen, was man heute selten hört. Wo ist KI schwach und der Mensch stark? Der Mensch kann gefundene Informationen und Informationsmuster gut bewerten und in den sozialen Kontext setzen. In dieser Tätigkeit ist der Fachexperte unersetzbar. Das ist seine Stärke, seine Unique Selling Proposition, und darin kann ihm keine KI das Wasser reichen. Die KI hilft dem Fachexperten daher darin, sich auf seine Stärken zu konzentrieren.
Die Bedeutung dieses Ansatzes in der Praxis will ich am Beispiel des Recherche-Assistenten von legal-i erklären. Dieser trifft keine Entscheidungen, sondern «versorgt» den Fachexperten nur mit potenziell relevanten Informationen. Die Entscheidungen trifft dann basierend auf diesen Informationen der Fachexperte. Als Assistent steht legal-i somit in einer symbiotischen Beziehung zum Experten und nicht in Konkurrenz. Das Programm ist bei der Suche nach relevanten Daten im Bereich des medizinischen Versicherungsrechts derzeit bereits zehnmal schneller und schon präziser als ein Fachexperte. Der kann gestützt auf diese Extraktionen aber wesentlich schneller und effizienter Entscheidungen treffen, die den sozialen Kontext adäquat berücksichtigen. An dieser Arbeitsteilung dürfte sich so schnell nichts ändern.

Mit Forschern entwickelt

Die künstliche Intelligenz des Recherche-Assistenten von legal-i wird in Zusammenarbeit mit KI-Professor Dr. Erik Graf von der BFH entwickelt. Graf leitete bis 2018 die Entwicklung der KI-Technologie von cortical.io, mit deren Hilfe US-Finanzinstitute und Anwaltskanzleien, darunter Bloomberg, das Vertragsmanagement effizienter bewältigen. Derzeit läuft ein 30-monatiges von Innosuisse gefördertes Forschungsprojekt mit Prof. Dr. Erik Graf und einem Team aus wissenschaftlichen Mitarbeitern und BFH-Studenten.