Inspiration ⇨ Sich der Mehrdeutigkeit bewusst sein

9. Juni 2020
2/2020

« Der Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur ist eng. Eine gelungene Kommunikation weiss mit der Wechselbeziehung umzugehen » , sagt Professorin Beatri x Kre ss .

Begriffe wie das dänische Wort «hygge» oder das portugiesische Wort «saudade» wecken eigene Assoziationen, sie lassen sich aber kaum oder nur schwer übersetzen. Phänomene wie dieses beschreiben das Anliegen der Interkulturellen Kommunikation im Kern: Nicht nur Begriffe sind kulturspezifisch aufgeladen – auch ganze Kommunikationsformen unterliegen ihrer Herkunft. 
«Alles, was wir kommunizieren, geschieht vor dem Hintergrund einer kulturellen Prägung», erklärt Beatrix Kress, Professorin am Institut für Interkulturelle Kommunikation an der Universität Hildesheim. «Darüber hinaus knüpft Kommunikation immer auch an bestimmte Erwartungshaltungen.» Das erschwert die Verständigung über kulturelle Grenzen hinweg: Vorurteile sind programmiert. Schnell heisst es dann, die Schweizer sprächen zu langsam, die Deutschen seien zu direkt und Italiener kämen gar nicht erst auf den Punkt. Wie Kommunikation zwischen zwei kulturell unterschiedlichen Parteien dennoch gelingen kann, zeigt das Konzept der «Ambiguitätstoleranz»: Kommunizierende sind sich dabei darüber im Klaren, dass es beim Austausch von Informationen mehrere Einordnungsmöglichkeiten geben kann. Vielleicht war die ironische Stichelei meines Gegenübers gar nicht als solche, sondern als aufrichtiges Kompliment gemeint? Im Alltag bedeutet es im Grunde genommen, nicht immer vom Schlechtesten auszugehen: «Das kann durchaus heissen, dass sich eine Erklärung für das Verhalten oder das Gesagte meines Kommunikationspartners entzieht», so Beatrix Kress. Klärung schafft auf die Schnelle also nicht unbedingt eine Analyse der Kommunikationssituation, sondern vielmehr das Bewusstwerden der Mehrdeutigkeit.