Inspiration ⇨ Im Reden zeigen wir, wer wir sind

9. Juni 2020
2/2020

Die Führungskultur spiegelt sich im Reden und Schreiben. Dies gilt nicht nur für Literaturschaffende wie Olga Tokarczuk oder Peter Handke, sondern für alle Frauen und Männer in Leitungsfunktionen.

Im Dezember 2019 wurden Olga Tokarczuk (*1962) und Peter Handke (*1942) die Nobelpreise für Literatur verlieren. Beide Autoren befinden sich gegenwärtig inmitten politischer Kontroversen, allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen. Olga Tokarczuk wird massiv von rechtsnationalen Kreisen für ihre Kritik an einem verklärten polnischen Geschichtsbild angeprangert. Peter Handke muss sich dagegen für seine Nähe zum Regime Slobodan Miloševićs rechtfertigen. Dass diese Debatten sehr emotional geführt werden, weist auf die eminente Bedeutung hin, die wir der symbolischen Form der Sprache zusprechen. 
Im Reden und Schreiben zeigen wir, wer wir sind und wofür wir stehen. Je öffentlicher man sich äussert, desto genauer werden die Worte unter die Lupe genommen. Mit dem Nobelpreis für Literatur erfuhren die beiden Künstlerpersönlichkeiten eine markante Steigerung ihrer Prominenz. Sie sind – ob gewollt oder nicht – zu Autoritäten geworden. Ihren Aussagen wird Gewicht beigemessen.

Der Mensch benennt!

In Bezug auf gegenwärtige Konzepte von Leadership lohnt sich ein Seitenblick auf die Situation von Führungskräften in Unternehmen und Organisationen. Hier gibt es einige spannende Parallelen zum literarischen Feld. Sprachliches wird eingesetzt, um Visionen zu formulieren, Strategien zu erklären oder Aktionen anzuweisen. Im normalen Arbeitsalltag geht oft vergessen, welche elementare Bedeutung dem mündlichen und schriftlichen Kommunizieren zukommt. 
Nur wenig würde sich bewegen, würden die Frauen und Männer in den Chefetagen keine Entscheidungen kundtun oder Zukunftsvorstellungen in Worte fassen. Mit der Feststellung, dass «Gott schafft, und der Mensch benennt», bringt Olga Tokarczuk in ihrem Roman «Ur und andere Zeiten» (1996) unsere Existenz als sprachbegabte Wesen auf den Punkt. Um etwas in Gang zu setzen, müssen wir uns artikulieren. Jedoch ist die Art und Weise des Kommunizierens heute einer grossen Veränderungsdynamik unterworfen. Autoritäre Anweisungen oder gar Befehlsformen werden nicht mehr fraglos akzeptiert. Vielmehr müssen Führungskräfte die Belegschaften mit unterschiedlichen Mitteln motivieren, involvieren und begeistern. Deshalb erlebt das Storytelling, das mit den ältesten literarischen Mitteln unserer Kultur operiert, eine auffallende Konjunktur.

Handkes Erzähler inszeniert das Verschwinden

Über das Erzählen einer mitreissenden und sinnvollen Geschichte wird das Publikum ins Boot geholt. Das vom Management praktizierte Führungsmodell mit Fiktionen kann sich aus diesem Grund manchmal gar der poetischen Tätigkeit von Autorinnen und Autoren annähern. Dies bleibt nicht ohne Effekt auf die Literatur. Textkünstler wie Olga Tokarczuk oder Peter Handke stehen vor der Herausforderung, sich zu überlegen, wie ihr Schreiben auf eine solche Konkurrenz reagieren soll. So entscheidet sich beispielsweise der Ich-Erzähler in Peter Handkes Roman «Mein Jahr in der Niemandsbucht» (2007) für den Rückzug aus dem öffentlichen Leben, um neue Erzählformen für die Gegenwart zu finden: «Hinschauen, registrieren, festhalten; das Erzählerische als ein blosser Nebenstrang». Als literarische Autorität dankt dieser Erzähler ab, um in einer bescheideneren Rolle als Chronist des Alltags von der Welt zu berichten. Möglicherweise verbirgt sich darin eines der nachhaltigen Konzepte von Leadership für die Zukunft: weniger Inszenierung und mehr Aufmerksamkeit für das tatsächliche Geschehen.
  • Dr. Serge Honegger
    Der Dramaturg für Theater wie die Bayerische Staatsoper München, das Opernhaus Zürich oder das Theater St. Gallen hat an der Universität St. Gallen im Bereich Organisation und Kultur doktoriert.