Frisch gefischter Plastikmüll: Nachhaltigkeit als Produkt

09.09.2021
3/2021
  • Trend

Grosskonzerne können nicht von heute auf morgen nachhaltig werden. Um die Ansprüche der Konsumenten zu erfüllen, greifen sie zusehends auf externe Dienstleister zurück. Es entsteht ein «Markt für Nachhaltigkeit». Das Schweizer Start-up Tide Ocean SA ist mittendrin.

86 Millionen Tonnen Plastik schwimmen laut WWF in unseren Ozeanen. Bilder von Meeresschildkröten, Seehunden und Haien, in Plastiktüten und alten Fischernetzen verendet, sind längst in das Bewusstsein der Konsumenten gerückt.

Grosskonzerne und Unternehmen stehen deswegen unter Beobachtung. Es wird hinterfragt, wie sie mit der ökologischen und den damit zusammenhängenden sozialen Herausforderungen umgehen. Die zahlreichen Labels für nachhaltig produzierte Güter erhöhen den Druck zusätzlich. Wie aber sollen Konzerne rasch Nachhaltigkeit leben, wenn sie nicht schon inhärenter Teil des unternehmerischen Credos ist?

Hier öffnet sich ein Markt für Start-ups wie die Schweizer «Tide Ocean SA»: Das Schweizer Unternehmen sammelt Kunststoffmüll am und im Meer und verwandelt ihn in ein Rohmaterial, das für langlebigere Produkte eingesetzt werden kann. Im Vordergrund steht dabei als Verkaufsargument nicht die (revolutionär hohe) Qualität des rezyklierten Plastiks, sondern vielmehr seine Herkunft und Gewinnung. Denn dies bedeutet Jobs für existenziell bedrohte Fischer in Asien bei gleichzeitiger Reinigung der Ozeane.

Ein Business-to-Business-Konzept also, bei dem die Nachhaltigkeit als eigentliches Produkt an Unternehmen herangetragen wird. Logistisch wie ökonomisch wäre ein solcher Aufwand in der Lieferkette der einzelnen Abnehmer-Unternehmen nicht zu stemmen. Für Marken wie das Modelabel Tom Ford agiert #tide damit einerseits als Provider für Sustainability, was sich positiv auf das Image auswirkt. Auf der anderen Seite gewinnt rezykliertes Plastik über kurz oder lang an Wert.

Reparierte Plastikmoleküle

«Die Idee ist nicht neu», gesteht Marc Krebs, Co-Gründer des Schweizer Start-ups. Den Plastik aus dem Meer fischen wollen auch andere Unternehmen aus aller Welt. Neu ist aber der Ansatz von #tide ocean, aus dem Rohstoff ein Label und schliesslich ein Geschäft zu machen. Die Produktionskosten für «Virgin Plastic» – Plastik also, der für ein bestimmtes Produkt neu hergestellt würde – sind deutlich geringer als diejenigen, die für aufwendige Recyclingverfahren anfallen. 

Gemeinsam mit dem Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung (IWK) der Hochschule für Technik in Rapperswil hat #tide aber ein mechanisches Verfahren entwickelt, um die von UV-Strahlen und Salzwasser beschädigten Molekülketten des Ozeanplastiks zu reparieren und zu hochwertigem Granulat oder hochwertigen Kunststofffasern zu verarbeiten.

Das ist aber nur die eine Hälfte der Geschichte. Das Start-up bindet nämlich die lokalen Communities, bisher in den Sammelgebieten in Asien, eng in sein Geschäftskonzept ein. Fischer aus der Region sammeln den Plastikabfall aus dem Meer. Vor Ort wird er in Social Enterprises sortiert, gehäckselt und gewaschen und in der Schweiz im Upcycling-Verfahren aufbereitet. Neu erfolgt die Aufbereitung des Plastiks auch in Thailand, für den asiatischen Markt. «Wir planen den Aufbau eigener Anlagen von #tide ocean material, möchten unser Wissen nach Asien, aber auch Afrika exportieren.»

Aus der Mode wird Alltag

Unternehmen wie #tide Ocean, die Nachhaltigkeit anderen Firmen als Zulieferer zur Verfügung stellen, sind damit Träger einer neuen Leitkultur. Längst etabliert haben sich Start-ups wie die Non-Profit-Organisation MyClimate, die Nachhaltigkeit direkt an ihre Verbraucherinnen und Verbraucher heranträgt, indem Letztere ihre Co2-Emissionen mittels Spenden an Aufbau- und Hilfsprojekte kompensieren können; oder Apps wie Too Good To Go, bei denen Restaurants ihre unverkauften Esswaren zu einem stark reduzierten Preis absetzen können, bevor es im Müll landet. 

Neben dem Druck von aussen gehe es den Marken jedoch ohnehin immer mehr darum, etwas zu nachhaltigen Wertschöpfungsketten beizutragen: «Natürlich ist es PR-technisch ein Vorteil, wenn man sagen kann, dass ein Produkt zu einem gewissen Bestandteil aus unserem #tide-Kunststoff besteht – beim Thema Nachhaltigkeit handelt es sich ja auch um einen Trend», so Krebs. «In vielen Branchen ist man allerdings davon überzeugt, dass dieser im Gegensatz zu anderen Trends nicht vorübergehen wird.»

 

Tide Ocean SA

Das Ziel des Start-ups ist es, dass Abfall einen Wert bekommt – nur so könne das Plastikmüllproblem gelöst werden. #tide ocean material soll das weltweit erste Label für verantwortungsbewussten Kunststoffgebrauch werden; den Leuten also bald so vertraut sein wie bereits heute bei uns jenes von Max Havelaar im Früchteregal.