Ein Weg der kleinen und grossen Schritte

09.09.2021
3/2021
  • Schwerpunkt

Nachhaltigkeit ist zum globalen Ziel geworden. Schweizer Unternehmen packen die verschiedenen Aspekte von Nachhaltigkeit auf verschiedenste Arten an: vom Verhaltenskodex über Holokratie bis zu Kreislaufmodellen, Integration von Geflüchteten und Anpassungen der Produktpalette. Einigkeit herrscht in der Überzeugung, dass Nachhaltigkeit ökonomisch sinnvoll und nicht immer teurer ist als herkömmliche Ansätze.

Für den Forstwirt Hans Carl von Carlowitz gab es keinen Zweifel: Würden alle Bäume gefällt, könnte die nächste Generation kein Holz mehr ernten. Um das zu vermeiden, kam dem weitsichtigen Oberberghauptmann in Kursachsen die Idee, das Holz «nachhaltig» zu nutzen. Er hielt seine Gedanken 1713 in einer Schrift über den Holzbau fest und prägte damit den Begriff, der heute aktueller denn je ist. Allerdings genügt es heute nicht mehr, Ressourcen zu schonen: Zur Nachhaltigkeit zählen längst auch soziale und ökonomische Aspekte.

Diese drei Themenbereiche müssen sich nicht zwingend gegenseitig behindern, sondern können vielmehr eine Inspirationsquelle und Chance für neue Ideen sein. Ein Beispiel dafür ist das Fruchtsaftlabel Opaline in Vétroz im französischsprachigen Teil des Wallis. Es setzt auf regionale Produkte und Qualität und hat für seine Nachhaltigkeitsstrategie als eines der ersten Unternehmen in der Schweiz das B-Corporation-Zertifikat der internationalen NGO B Lab erhalten. Dabei spielen ausdrücklich die drei Kriterien Mitarbeitende, Lieferanten und Umwelt eine Rolle.

Ein Teil des Gewinns fliesst in eine Stiftung

Doch was macht Opaline anders als die anderen? Zum Beispiel ist das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit bereits beim Einstellungsgespräch von neuen Mitarbeitenden ein Thema, wie Opaline-Gründerin Sofia de Meyer erklärt. Die «Mission», wie sie es nennt, nämlich das Engagement für die Nachhaltigkeit, wird dabei nicht nur angesprochen. Potenzielle Mitarbeitende müssen sich vielmehr beim Einstellungsgespräch auch konkrete Frage gefallen lassen: «Wie werden Sie sich im künftigen Tätigkeitsbereich engagieren? Welche Schritte werden Sie unternehmen, um zur Mission des Unternehmens beizutragen?» Ob jemand zum Team passt oder nicht, entscheiden alle mit. Sofia de Meyer: «Unsere flache Hierarchie fördert Werte wie das Zuhören und das kreative Potenzial jedes Einzelnen.»

Zum Governance-Modell von Opaline gehören darüber hinaus eine faire Preisgestaltung und eine Gehaltspolitik, bei der das Verhältnis zwischen dem tiefsten und dem höchsten Lohn maximal bei 1,5 liegt. Manchmal schlagen sich die Nachhaltigkeitsprinzipien auch in unkonventionellen Methoden nieder, etwa wenn sich Teams zu Outdoor-Sitzungen treffen oder Geschäftspartner zu «grünen Tagen» eingeladen werden. Ein Teil des Unternehmensgewinns fliesst in die Stiftung von Opaline, die den Austausch zwischen den Bauern und der Bevölkerung fördert. 90 Prozent der Früchte und Gemüse stammen von Bauernhöfen, die höchstens 25 km von der solarbetriebenen Saftpresse entfernt liegen. Die ausgepressten Früchte landen nicht im Müll, sondern werden weiterverwertet zu Biogas.

Die FREITAG-Taschen nähte ein Schweizer Integrationsbetrieb

Die Idee, mit einer Kreislaufwirtschaft die Ressourcen zu schonen, macht bei immer mehr Unternehmen Schule. Pioniere in dieser Hinsicht waren die Zürcher Gebrüder Freitag, die vor bald 30 Jahren mit ihren Taschen aus gebrauchten LKW-Planen nicht nur ästhetisch, sondern auch ökologisch neue Massstäbe setzten. Den Begriff der Nachhaltigkeit hat Freitag schon immer ganzheitlich verstanden. So war der erste Produktionspartner, der die Taschen in den 1990er-Jahren zusammennähte, ein Schweizer Integrationsbetrieb.

Seither ist Freitag ein ökonomisch sehr gesundes Unternehmen geworden – gemäss Sprecherin Lis Isenegger eine Bedingung für Nachhaltigkeit. «Denn ökonomischer Erfolg und Wachstum verbessern die Chance, die Wirkung unseres ökologischen und sozialen Engagements zu verstärken.» Die holokratische Unternehmensform mit ihrer Ausrichtung am Unternehmenszweck und an der hohen Selbstverantwortung der Mitarbeitenden verstärkt den Fokus auf Nachhaltigkeit zusätzlich.

Hochgesteckte Ziele, wohl nie ganz erfüllbar

«Es gibt wohl keine einzige Rolle bei Freitag, die sich innerhalb ihres Fachbereichs nicht in irgendeiner Form mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt», so Isenegger. So fallen Projektideen, die dem Zweck «intelligent design for a bright green future» widersprechen, direkt vom Tisch. Im Rahmen der Internationalisierung stieg das Bedürfnis, die bestehenden Nachhaltigkeitsambitionen zu formalisieren – von der Reduktion des CO2-Abdrucks über den Verhaltenskodex bei den Zulieferern bis hin zu Gleichstellung sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei den Mitarbeitenden. Per Mitarbeiterabstimmung wurde vor Kurzem der Wechsel zu einer ökologisch-ethisch ausgerichteten Pensionskasse verabschiedet.

Dazu kommen Angebote wie ein Taschen-Ausleihservice oder eine kostenlose Tauschplattform für gebrauchte Produkte. Als Vorgabe dient das Cyclist-Manifest der Firmengründer: ein Plädoyer für bewusstes, sinnvolles Produzieren und Konsumieren. «Es ist in seiner einfachen Radikalität ein hochgesetztes Ziel», sagt Lis Isenegger. «Wir werden es wohl nie ganz erfüllen, aber wir werden nicht aufgeben, dies knapp zu verpassen.»

Die Balance zwischen Ökologie, Sozialem und Wirtschaftlichkeit zu finden, gehört auch zur Nachhaltigkeitsstrategie von Ricola. «Wir verfolgen kein absolutes Ziel, sondern wollen uns stetig weiterentwickeln», sagt CEO Thomas P. Meier. Man müsse mit den Themen im Dialog bleiben, die Spannungen aushalten, sie zu Chancen machen und Schritt um Schritt verbessern. «Wir streben nicht die grosse Würfe an, sondern kleine Verbesserungsschritte. Dies bringt mit der Zeit unglaubliche Fortschritte.»

Auf sozialer Ebene gehört für ihn zum Beispiel die Chancengleichheit bei den Mitarbeitenden dazu. Oder die pragmatische Umsetzung, wenn es darum geht, Flüchtlinge in den Arbeitsprozess zu integrieren. Ende 2020 beschäftigte Ricola einen jungen Mann aus Eritrea, der als ausgebildeter Mechaniker drei Monate für den Betrieb tätig war. IKEA Schweiz geht einen ähnlichen Weg und engagiert sich ebenfalls für geflüchtete Menschen. 24 Personen erhielten 2021 die Möglichkeit, im Rahmen eines Integrationsprogramms eine Vorlehre zu absolvieren.

IKEA arbeitet schon seit 2000 mit einem Verhaltenskodex, der Menschen-, Kinder-, Umwelt- und Tierrechte umfasst, auch für Lieferanten. «Wir berücksichtigen für unseren Nähservice seit Kurzem Organisationen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen», sagt Franziska Barmettler, Leiterin Nachhaltigkeit IKEA Schweiz. In welchem Feld ist es am schwierigsten, die Nachhaltigkeitsziele umzusetzen? Nicht wie man erwarten könnte beim Thema Herkunft des Holzes. «In Ländern, in denen die Rahmenbedingungen schwierig sind, versuchen wir erst recht, das FSC-Label umzusetzen. Das nützt mehr, als wenn wir uns dort zurückziehen», stellt die Nachhaltigkeitsleiterin klar.

IKEAS Fundgruben sind jetzt «Kreislauf-Hubs»

Die grösste Herausforderung sei, dass die Kunden sich an den Kreislaufprojekten beteiligen. Im Rahmen des Second-Life-Services ist es seit 2018 in jedem Store möglich, gebrauchte IKEA-Möbel gegen einen Gutschein zurückzubringen, damit sie weiterverkauft werden können. Zu diesem Zweck sind die ehemaligen Fundgruben im Juni 2021 zu «circular hubs» verwandelt worden. Dieser Service wird zurzeit jedoch noch zu wenig genutzt. Die Schweiz gilt als Testmarkt, um Neues auszuprobieren: etwa das Vermieten von Büromöbeln für Kleinunternehmen und Start-ups. Immerhin wollen 87 Prozent der Kunden gemäss Umfragen nachhaltiger leben und etwas dafür tun.

Doch noch ist nicht alles Potenzial ausgeschöpft: IKEA plant als Konzern, bis 2030 bei allen Produkten auf erneuerbare oder rezyklierte Materialien umzustellen. Oder auf Möbel, die sich bei einem Umzug leichter zerlegen lassen. Bei den Produktpreisen werde allerdings kein Kompromiss gemacht: «In einzelnen Bereichen wird das Umstellen auf mehr Nachhaltigkeit mehr kosten, in anderen sparen wir dadurch. Da wir gross sind, können wir die Skaleneffekte nutzen.»

Auch bei IKEA ist die Nachhaltigkeit ein Teil des Businessplans und damit in den Unternehmenszielen verankert. In Workshops und Meetings haben die Mitarbeitenden immer wieder die Möglichkeit, einen persönlichen Input zu bestimmten Themen einzubringen. Etwa dazu, wie in den Restaurants der Food Waste zu reduzieren ist. Weggeworfene Lebensmittel verursachen auch in der Gastronomie und der Hotellerie hohe Kosten und belasten die Umwelt. Eine neue Nachhaltigkeitsstrategie soll der Tourismusbranche nun helfen, sich gleichzeitig zu positionieren und zu verbessern.

«Die schweizerischen Betriebe in Tourismus und Hotellerie sind sehr unterschiedlich aufgestellt, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht», sagt Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus. Zwar schneide die Schweiz in internationalen Nachhaltigkeitsrankings regelmässig gut ab. Nur wissen das die wenigsten. Während die einen sich mit fremden Umweltfedern schmücken, handeln die andern im Stillen. Oder wer weiss schon, dass die Berg- und Bundesbahnen der Schweiz zu einem grossen Teil mit Energie aus klimafreundlicher Wasserkraft bewegt werden?

Schweiz als nachhaltigste Destination – weltweit

Die Vision ist mutig: Mit der neuen Strategie soll die Schweiz die nachhaltigste Destination der Welt werden. Die Tourismusbetriebe erhalten die Möglichkeit, sich mit einem Signet für ihr nachhaltiges Engagement auszeichnen zu lassen – auf drei verschiedenen Ebenen. Die Kriterien sind vielseitig und reichen von Umweltthemen wie Energie, Wasser, Abfall und CO2 über Barrierefreiheit bis zu Gleichberechtigung und Lohngleichheit im Betrieb.

Der Handlungsbedarf liegt gemäss Martin Nydegger am ehesten bei den ökologischen Themen: «Es gibt Betriebe, die das Thema erst entdeckt und die grossen Handlungsbedarf haben. Andere sind weiter und haben Handlungsbedarf im Kommunizieren.» Ein Dilemma besteht gemäss Nydegger bei der Anreise der Gäste: Zwar strebt Schweiz Tourismus an, den CO2-Ausstoss zu reduzieren, aber viele internationale Gäste reisen auf dem Luftweg oder mit dem Auto an. Schweiz Tourismus arbeitet darauf hin, dass die ausländischen Gäste länger im Land bleiben und nicht nur eine Nacht.

Auch in der Tourismusbranche stellt sich die Frage, wie sich eine nachhaltigere Ausrichtung mit einem marktgerechten Preismodell vereinbaren lässt. «Nachhaltigkeit muss nicht zwingend aufwendig sein und mehr kosten», bestätigt auch Martin Nydegger. Die biologisch angebauten Karotten oder die lokalen Kartoffeln kosten ein wenig mehr. Aber dies könnte auch zu einem klügeren Umgang mit Ressourcen mit weniger Abfall führen.

Auf das Thema Greenwashing angesprochen, winkt der oberste Schweizer Touristiker ab. Das werde nicht mit seiner Organisation in Verbindung gebracht. Die Schweiz sei bei den internationalen Gästen gerade wegen der intakten Natur so beliebt. Die Marktforschung, die Schweiz Tourismus seit 104 Jahren betreibe, ergebe immer dieselbe Antwort: Reisemotiv Nummer eins sind und bleiben die Landschaft, die Berge und die Natur.