«Echte Talente suchen Spass, Freiheit und Gemeinschaft»

4. März 2021
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Vor 40 Jahren kam er aus Polen in die Schweiz und arbeitete sich vom Tankwart hoch zum Inhaber eines HR-Beratungsunternehmens mit 200 Mitarbeitenden: Marek Dutkiewicz kennt die Entwicklung von Trends in der Personalführung wie kaum ein anderer. Er ist überzeugt, dass nach Corona nichts mehr sein wird wie davor.

Herr Dutkiewicz, die Coronapandemie wirbelt die Wirtschaft und Arbeitswelt kräftig durcheinander. Wird gerade unser traditionelles Verständnis von Arbeit und Arbeitsprozessen neu definiert?

Wir müssen differenzieren. In vielen Berufen hat Corona wenig verändert. Ein Zugführer fährt seinen Zug genauso wie vorher. In vielen Berufen ist aber Remote-Arbeiten im Homeoffice zum Standard geworden, was eine markante Veränderung ist. Eine echte Revolution erleben wir dort, wo auch die Arbeitsprozesse durch das Remote-Arbeiten verändert wurden. Zum Beispiel werden heute Recruiting-Prozesse zu 95 Prozent über Videokonferenzen gemacht. Etliche Prozesse im HR mussten und müssen wegen Corona auf digitalem Weg erfolgen. Das ist ein erheblicher Einschnitt.

Ist Corona nicht einfach «Brandbeschleuniger» für die ohnehin unaufhaltsamen Trends Digitalisierung und dezentrales Arbeiten?

Corona ist ohne Frage ein gewaltiger Beschleuniger der Digitalisierung. Wir merken das in allen Branchen. Im Bankensektor war Homeoffice im Februar noch kein Thema. Acht Monate später ist es bereits eine Selbstverständlichkeit. Wir werden nie mehr zum alten Standard zurückkehren. Die Digitalisierung hat nicht nur Prozesse verändert, sondern auch unsere Kultur. Wir geben uns die Hand nicht mehr, umarmen uns nicht. Unsere Schweizer Kultur, Menschen mit einem «Grüezi» und mit Namen zu begrüssen, die Hand zu geben, ist verloren gegangen. Corona hat uns derart verunsichert, dass wir nicht mehr mal wissen, wie wir uns überhaupt noch begrüssen sollen. Diese neue distanzierte Kultur wird uns lange begleiten.

Was bedeutet diese Veränderung konkret für die Unternehmen?

Ich vergleiche die aktuelle Entwicklung mit der Revolution in der Automobilindustrie: Jahrelang haben wir an der Tankstelle getankt. Heute fahren wir mit dem aufgeladenen Elektroauto aus der eigenen Garage und brauchen keine Tankstellen mehr. Auch die Prozesse im HR, wo Themen wie «Employer Branding» als wichtige Bestandteile im Recruiting-Prozess integriert worden sind, verändern sich revolutionär. Eine massive Herausforderung ist es, neue Mitarbeitende so zu integrieren, dass sie die Kultur von Unternehmen spüren, soziale Verbindungen zu anderen Mitarbeitenden aufbauen und sich von Beginn weg zugehörig fühlen.
Die Digitalisierung hat nicht nur Prozesse verändert, sondern auch unsere Kultur.

Und wie beeinflusst Corona Jobprofile respektive die Anforderung an Kompetenzen?

Die Zukunft gehört eindeutig den Spezialisten. Vor Corona befürchteten wir noch, dass in der Schweiz bald 400’000 spezialisierte Arbeitskräfte fehlen werden. Die Pandemie hat das Angebot schlagartig erhöht. Das ist nötig, denn auch die Nachfrage nach Spezialisten wird ab Frühling 2021 gewaltig steigen.

Werden es mittelmässige Allrounder im Arbeitsmarkt immer schwerer haben?

Ich befürchte es. Unter dem Motto «External Workforce Management» werden Firmen zunehmend externe Mitarbeitende projektbezogen beiziehen und nach Projektabschluss wieder freigeben. Für Unternehmen hat das viele Vorteile. Sie senken Kosten. Zusätzlich entfallen viele Sozialleistungen, weil die Zahl der Fixangestellten sinkt. Da bleiben vor allem die mittelmässigen Mitarbeitenden ohne spezifische Stärken auf der Strecke. Dieser Trend kommt aus den USA und erreicht mit gewaltigem Tempo auch die Schweiz.

Sie haben Ihre Firma HR Campus vor 22 Jahren gegründet. Welche Entwicklungen hat das HR in diesen zwei Jahrzehnten durchlaufen?

Vor 20 Jahren hat sich das HR auf administrative Prozesse konzentriert. Dank der Digitalisierung konnte der Aufwand für diese Prozesse um 80 Prozent gesenkt werden. Dafür verschiebt sich der Fokus vom HR in Richtung «Employee Experience», «Wellbeing» und «Employer Branding». Meine Prognose ist, dass in zehn Jahren kaum mehr eine Firma die Lohnbuchhaltung selbst erledigt. Weil es ein wiederkehrendes, administratives Thema ist, wird es ausgelagert.
Der Fokus verschiebt sich vom HR in Richtung «Employee Experience», «Wellbeing» und «Employer Branding».

Was fällt Ihnen konkret zum Ausdruck «Instant work – flexibles Arbeiten in Echtzeit» ein?

Wenn wir über Menschen sprechen, die am Computer arbeiten, ist dies ein Megatrend, den ich persönlich jedoch erschreckend finde. Das Gehirn braucht Ruhe- und Denkpausen, Zeit zum Träumen. Der Mensch benötigt auch im eigenen Haus einen Ort, wo er konzentriert arbeiten kann. Genauso braucht er eine Ecke, wo sich seine Psyche erholen kann. Es erfordert eine unglaubliche Disziplin, den Tag so zu gestalten, dass ein gesunder Mix zwischen Arbeits- und Erholungszeiten entsteht. Viele Menschen machen zurzeit einen sehr gestressten Eindruck. Denn obwohl sie von den Vorgesetzten nicht kontrolliert werden, arbeiten sie mehr denn je.

Ist denn Vorgesetztenkontrolle ein Auslaufmodell?

Definitiv. Vorgesetzte dürfen keine Kontrolle ausüben. Wer das tut, sollte sofort ausgewechselt werden. Viel wichtiger ist der Aufbau von sozialen Kontakten innerhalb des Teams, der Aufbau von Teamspirit und das Vorleben einer Feedback-Kultur. Gerade Letztere steckt bei vielen Firmen noch in den Kinderschuhen.
Vorgesetzte dürfen keine Kontrolle ausüben. Wer das tut, sollte sofort ausgewechselt werden.

Und wie soll Feedback-Kultur bei Remote-Arbeit funktionieren?

Digitalisierung heisst das Zauberwort. Meine Prognose ist, dass neue Technologien, ein Beispiel ist unser HR-Chatbot «Sophie», die Feedback-Kultur bei Mitarbeitenden und Vorgesetzten revolutionieren werden. Weil man damit «Feedback on Demand» geben kann. Bei der Eliminierung von Redundanzen werden genau solche Technologien enorm helfen.

Könnte der Trend zum dezentralen «Instant Work» irgendwann drehen und Grossraumbüros mit klaren Hierarchien ein Comeback feiern?

Auf keinen Fall. Wir erleben zurzeit eine nie dagewesene Nachfrage von Kunden, die auf kollaboratives Arbeiten umstellen möchten. Die junge Generation lässt sich nicht mehr in alte Fesseln legen. Echte Talente suchen nicht unbedingt ein hohes Salär, ihnen ist Spass, Freiheit und Gemeinschaft wichtiger. Die Welt ist offen, die Kulturen mischen sich in den Firmen. Eine Mexikanerin und ein Norweger bringen einen Mix, der sich nicht mehr in ein Schrebergartendenken quetschen lässt.

Welche weiteren Zutaten braucht es neben flexiblen Arbeitsformen, damit dieser Mix die prallsten Früchte für ein Unternehmen treiben kann?

Kürzlich durfte ich ein Gesundheitsmanagement-Forum besuchen. Auf die Frage, mit welchen Schwierigkeiten weltweite HR-Abteilungen im Gesundheitsmanagement vor allem zu kämpfen haben, resultierte als Antwort: «Gewaltige Fluktuation». Auf die Folgefrage, warum dies so sei, kam wiederum eine klare Antwort: «Mangelnde Wertschätzung». Das stimmte mich nachdenklich und traurig. Es gibt aus meiner Sicht keine klarere Botschaft für die globalen Arbeitsmärkte als «Happy Employee, Happy Company». Jedes einzelne Unternehmen sollte alles daransetzen, dass Mitarbeitende stolz sind auf ihre Arbeitgeber und sich jeden Tag beim Zähneputzen auf die Arbeit freuen.

Vom Tankwart zum HR-Unternehmer

Marek Dutkiewicz ist 1981 aus Polen in die Schweiz eingewandert. Er startete seine steile Karriere als Tankwart und lancierte danach mehrere Unternehmen. Er ist EY Entrepreneur Of The Year 2020 im Bereich Handel/Dienstleistung in der Schweiz. Seine 1998 von ihm mitgegründete HR Campus AG mit Sitz in Dübendorf beschäftigt rund 170 Mitarbeitende. Das Unternehmen ist auf die ganzheitliche Beratung im Human Capital Management (HCM) spezialisiert und Firmenpartnerin der SKO.