Du bist, wen du triffst.

02.12.2021
4/2021
  • Editorial

     

Im Lockdown 2020 habe ich einen Namensvetter per LinkedIn angeschrieben. Man hatte mich oft gefragt, ob ich seine Schwester sei. Pascal fand das amüsant. Jedenfalls sassen wir uns bald in einem Videocall gegenüber.

Wir verstanden uns tatsächlich auf Anhieb auf einer geradezu geschwisterlichen Ebene. Unser Gespräch endete damit, dass er sagte: «Ich sende dir eine Studie. Wenn du sie verstehst, treffen wir uns und diskutieren weiter.» Es war eine 42-seitige Zusammenfassung der Forschung zum Thema Mikrobiome. Mikro... was?! Nach der ersten Durchsicht und 2000 neuen Fragezeichen schrieb ich zurück: «Wir werden uns nie treffen!»

Natürlich hat mein Ehrgeiz das nicht zugelassen. Ich begann, mich in das Thema einzulesen: Mikrobiome sind alles, was nicht Genetik ist. Also alle Mikroorganismen wie Bakterien, Viren, Pilze, Protozoen usw. Mikrobiome brauchen einen Makroorganismus wie den Menschen, Tiere oder Pflanzen, den sie besiedeln können. Sie beeinflussen unser Immunsystem, unseren Stoffwechsel und unser Hormonsystem. Die Forschung untersucht unter anderem, wie wir dank Mikrobiomen länger und gesünder leben können.

Zentral für das Verständnis ist dabei: Bei jedem physischen Kontakt übertragen und empfangen wir Mikrobiome. Wir gehen immer in den Austausch. Diese Erkenntnis, so simpel sie scheint, hat mir erklärt, wieso uns der Lockdown so schwergefallen ist: Unsere Evolution braucht den Austausch mit anderen Menschen.

Treffen wir niemanden mehr, was passiert dann mit uns? Wir vermissen uns tatsächlich auf eine ungeahnte Art viel mehr, als wir es für möglich gehalten haben – als wäre der «Lebensstrom» gekappt. Wir sollten uns also im geschützten Rahmen wieder auf menschlicher, mikrobiologischer Ebene treffen und damit die Evolution unterstützen, denn: Du bist, wen du triffst.

Natürlich habe ich meinen Beinahebruder nach etwa sechswöchigem Selbststudium, unzähligen Youtube-Videos und ergänzenden Artikeln doch noch getroffen. Und meine nächsten 2000 Fragezeichen zur Inspiration abgeholt.

Genauso viel Inspiration wünsche ich Ihnen bei dieser Ausgabe des LEADER, in der Sie auf eine Reihe von Menschen treffen, die in der Pandemie neue Wege gegangen sind. Dafür haben wir für einmal das Schema des Magazins «evolutioniert».