Do you speak Swiss?

9. Juni 2020
2/2020

Wir Schweizer sind ein «kurioses» Völkchen mit vier offiziellen Landessprachen in einer Welt, die um uns herum zum englischsprachigen Dorf mutiert. Sind wir deshalb antiquiert und reif fürs Museum? Ganz im Gegenteil. Die mehrsprachige Schweiz ist gesellschaftspolitisch wie auch ökonomisch ein Erfolgsmodell.

Was stellt man sich unter einem «bündnerromanischen Wörterbuch» vor? Etwas, das nie jemand braucht? Nun, der gedankliche Erstreflex ist nicht ganz abwegig. Die Vorstellung, dass sich ein Tourist in Graubünden mit «Dictionnaire» unter dem Arm auf die Suche nach den rund 50’000 rätoromanisch sprechenden Einheimischen macht und um ein «faziel da nas» (Taschentuch) bittet, wirkt eher skurril. Zumal diese Mini-Minderheit auch bestens Deutsch versteht und spricht. Und trotzdem: Der Dicziunari Rumantsch Grischun (DRG) ist keine Erfindung, sondern wurde vor über 115 Jahren in Chur ins Leben gerufen. Seit 1939 bis heute sind 13 Bände mit total über 10’000 Seiten gedruckt worden. Der 14. Band ist zurzeit in Entstehung.
Um ein wertvolles Stück Schweizer Sprach- und Kulturgeschichte handelt es sich also beim heute von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) betreuten DRG. So wertvoll, dass er seit dem letzten Jahr sogar online zugänglich ist. Pikant: Digitalisiert wurde das Wörterbuch der kleinsten sprachlichen Minderheit der Schweiz im bevölkerungsreichsten Staat der Welt. Sechs Datentypistinnen aus dem chinesischen Nanjing haben das Werk während 19 Monaten komplett abgeschrieben, kennen also Wörter wie «Plima» (Feder), «Martè» (Hammer) oder «Nav a vela» (Segelschiff) – zumindest vom Hörensagen.

Ertrag überwiegt die Kosten

Das ist ein beträchtlicher Aufwand zur aktiven Pflege einer Sprache, die laut Bundesamt für Statistik (BFS) heute gerade noch von 0,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung gesprochen wird. Bei einer identischen Erhebung vor 50 Jahren waren es 0,8 Prozent. Zum Vergleich: Die Zahl der Einwohner im Land, die Englisch als Muttersprache angeben, beträgt heute mehr als das Zehnfache. Da stellt sich in einer von Globalisierung und Grenzüberwindung geprägten Welt unweigerlich die Frage, ob die offizielle Viersprachigkeit in der kleinen Schweiz nicht antiquiert ist. 
«Selbstverständlich ist eine viersprachige Schweiz ‹antiquiert›, schauen Sie doch andere Länder wie etwa Indien an, die nicht nur vier-, sondern vielsprachig sind», lautet die provokative Antwort von Renata Coray, Projektleiterin am Kompetenzzentrum für Mehrsprachigkeit an der Universität Freiburg. «Im Ernst: Mehrsprachigkeit ist eine soziale Realität und weder antiquiert noch modern.» Von daher sei diese Frage nicht zu beantworten und eigentlich auch nicht zu stellen. Einerseits seien selbst Kenntnisse aller vier Landessprachen in der Regel nicht ausreichend, um auf den globalen Arbeitsmärkten zu bestehen. «Denn dazu braucht es vor allem Englisch», sagt Coray, weist aber anderseits auch auf die unzähligen Jobs in der Schweizer KMU-Wirtschaft hin. «Hier sind solide Kenntnisse der Landessprachen oft ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im Bewerbungsprozess.» Das Gleiche gelte für die gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten.
Um die Frage, zu welchem Preis der Erhalt aller Schweizer Landessprachen vor dem Hintergrund der «englischen Durchdringung» auf Dauer zu rechtfertigen sei, ranken sich auch innerhalb der SAGW seit vielen Jahren die Diskussionen und Dispute. Schon kurz nach der Jahrtausendwende rechnete der Genfer Ökonom François Grin an einer SAGW-Tagung zum Thema vor, dass der Schweizer Staat über zwei Milliarden Franken und damit satte 10 Prozent seiner gesamten Bildungsausgaben allein in den Sprachunterricht stecke. Doch selbst der Wirtschaftsexperte gewichtet den «individuellen und nationalen Mehrwert» der Schweizer Vielsprachigkeit deutlich höher als den damit verbundenen Kostenaufwand. «Die Mehrsprachigkeit der Schweiz ist eine Stärke, die sie niemals freiwillig aufgeben sollte», so sein Fazit.
Die Mehrsprachigkeit der Schweiz ist eine Stärke, die sie niemals freiwillig aufgeben sollte.
— François Grin

Englisch als fünfte Landessprache

Den wirtschaftlichen Nutzen der Mehrsprachigkeit für die Schweizer Volkswirtschaft sieht auch Renata Coray: «Die Kompetenz in mindestens zwei Landessprachen sowie Englisch eröffnet einem Unternehmen den Zugang zu mehr als nur einem Sprach- und auch Wirtschaftsraum, was gerade für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft sehr wichtig ist.» Denn bei der Sprachwahl in Wirtschaftsbeziehungen, so die Soziolinguistin, spielen auch Interessen- und Machtverhältnisse eine Rolle, wie ein legendärer Spruch des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt auf den Punkt bringt: «If I’m selling to you, I speak your language. If I’m buying, dann müssen Sie Deutsch sprechen!»
Auch für Manuela Cimeli, die sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der SAGW intensiv mit der Schweizer Sprachen- und Kulturvielfalt beschäftigt, ist vor dem Hintergrund dieser globalen Optik eine Beschränkung auf vier Landessprachen heute nicht mehr gegeben. «Wir müssen Englisch de facto als fünfte Landessprache hinzuzählen und entsprechend pflegen», sagt die überzeugte Verfechterin eines möglichst bunten Sprachenmix im Land. Wer eine zusätzliche Sprachkenntnis erwerbe, lerne dabei nicht einfach Vokabularien und Grammatik, sondern auch eine ganz neue Kultur und Denkweise, neue Bilder und Gesten kennen. Dies sei eine unglaubliche Bereicherung für das gesellschaftliche wie auch berufliche Leben. «Gerade die Wirtschaft tut gut daran, dieses enorme Potenzial noch intensiver zu nutzen und in Form etwa von Austauschprogrammen für ihre Mitarbeitenden zu fördern.» 

Ein Label für Zweisprachigkeit

Wie ein solcher Austausch vor der Haustür und im täglichen Leben fast reibungslos funktioniert, zeigt sich entlang der deutsch-französischen Sprachgrenze. Als Musterknabe hat sich Biel-Bienne, offiziell die einzige zweisprachige Stadt der Schweiz, in Sachen friedlicher Koexistenz von zwei eigentlich ganz unterschiedlichen Kulturen hervorgetan. Von der Restschweiz am offensichtlichsten wahrgenommen wird dies im Eisstadion des lokalen Nationalliga-A-Vereins EHC Biel, wo die Fans abwechselnd ihre deutschen und französischen Schlachtgesänge zelebrieren. Die deutschsprachige Mehrheit in Biel (58%) hat mit dem inoffiziellen Stadt-Slogan «Ici c’est Bienne» keinerlei Probleme und trägt ihn, ganz im Gegenteil, voller Stolz gegen aussen.
If I’m selling to you, I speak your language. If I’m buying, dann müssen Sie Deutsch sprechen!
— Willy Brandt
Einen wichtigen Beitrag zur gelingenden Sprach- und Kulturverständigung in Biel leistet das seit Ende der 80er-Jahre existierende Forum für die Zweisprachigkeit. Auslöser für dessen Gründung war der Fakt, dass sich die französisch sprechende Minderheit zuvor lange über eine schlechtere Behandlung beklagt hatte. Mithilfe des als Stiftung geführten Forums arbeitet die Stadt seither konsequent an der Schaffung eines harmonischen Zusammenlebens der beiden Sprachgruppen. Vor drei Jahren wurde in Zusammenarbeit mit den Wirtschaftskammern Biel und Berner Jura dann sogar ein Barometer für Zweisprachigkeit in Unternehmen der Region etabliert. «Bilinguisme» wird in der lokalen Wirtschaft seither noch gezielter gefördert und mittels eines Labels ausgezeichnet. 40 öffentliche sowie private Institutionen in Biel, Tendenz zunehmend, tragen heute dieses Label, das ihnen eine besonders intensive Förderung der Zweisprachigkeit bescheinigt.
Die intensiven Bemühungen tragen Früchte. Nicht nur die Gesellschaft sei in Biel näher zusammengerückt, auch die Wirtschaft profitiere und performe besser, sagt Virginie Borel, engagierte Geschäftsführerin des Forums für die Zweisprachigkeit. «Wir haben 2017 eine umfangreiche Studie auf regionaler Ebene durchgeführt und mit dieser nachweisen können, wie wichtig die Pflege der Landessprachen und der Austausch der Kulturen für die Prosperität unserer KMU-Wirtschaft sind», so Borel. Der in Biel ansässige Milliardenkonzern Swatch-Group etwa hätte ohne die Anwerbung vieler französischsprachiger Mitarbeitenden aus dem Jura niemals eine derart rasante Expansion vollziehen können. Auch die in Biel und schweizweit dominierende KMU-Wirtschaft ist auf einen funktionierenden Austausch von sprachlichem und kulturellem Gedankengut absolut angewiesen. 
Wir haben nachweisen können, wie wichtig die Landessprachen und der Austausch der Kulturen für die KMU-Wirtschaft sind.
— Virginie Borel
Das «Bieler Modell» hat sich international herumgesprochen. Regelmässig empfängt Virginie Borel heute Delegationen aus aller Welt, die sich brennend für die Mehrsprachigkeit der Schweiz interessieren und von der interlingualen Symbiose Biels lernen wollen. Nicht erstaunlich, dass Virginie Borel auf die Frage, ob die Mehrsprachigkeit der Schweiz nicht antiquiert sei, eine sehr bestimmte und dezidierte Antwort gibt: «Wenn einem Werte wie friedliches Zusammenleben und nationaler Zusammenhalt archaisch erscheinen, kann man die Mehrsprachigkeit der Schweiz tatsächlich für ein Auslaufmodell halten.» Sie empfindet es vielmehr als riesiges Glück und grossen Reichtum für ein kleines Land wie die Schweiz, drei der meistgesprochenen Sprachen Europas innerhalb der eigenen Staatsgrenzen pflegen zu können. Dass sie mit dieser Meinung zumindest in Biel nicht alleinsteht, beweist der Erfolg der lokalen «Filière bilingue». Mehr als 80 Prozent der Bieler Eltern möchten ihre Kinder in diesem zweisprachigen Schulprogramm einschreiben.

Den «Röschtigraben» musikalisch überwinden

Zu den intensivsten Förderern einer multilingualen und kulturverbindenden Schweiz gehört auch die Gustav Akademie in Freiburg. Der gemeinnützige Verein fördert junge Musikerinnen und Musiker aus allen Landesteilen und stellt jährlich Gruppen von Nachwuchstalenten zusammen, die spezifisch nach ihrer Vielfalt betreffend Sprachregion, Geschlecht und musikalischen Rucksack ausgewählt werden. «Es ist eindrücklich und schön zu sehen, wie rasch die jungen Menschen mit teils nur wenig Kenntnis der Partnersprache aus schierem Nutzen für das gemeinsame Projekt in den sprachlichen Austausch kommen und mindestens ein bisschen die andere Sprache und Kultur kennenlernen», schwärmt Gerhard Andrey, Mitgründer und Präsident der Akademie Gustav. Derzeit erfolge dieser Austausch vor allem zwischen Deutsch und Französisch. «Viele der Beziehungen bleiben auch nach dem intensiven Jahr der Akademie erhalten. Es hat sich über die Jahre ein funktionierendes Netzwerk über den ‹Röschtigraben› gespannt, aus dem viele neue Projekte und Bands hervorgegangen sind.»
Es hat sich ein Netzwerk über den ‹Röschtigraben› gespannt, aus dem viele neue Bands hervorgegangen sind.
— Gerhard Andrey
Dass wir Schweizer auch in Zukunft von einem bunten Sprachenmix auf engstem Raum begleitet werden, zeigt ein Blick zurück ins beschauliche Graubünden eindrücklich. Im einzigen Schweizer Kanton mit drei Amtssprachen (Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch) zeigt sich gegenwärtig ein spezielles Phänomen rund um die zugewanderten Portugiesen, die vor Ort die zweitstärkste Ausländergruppe nach den Deutschen darstellen. Einerseits lernen sie aufgrund ihres lateinischen Hintergrunds die rätoromanische Sprache sehr rasch und geben dem gebeutelten «Rumantsch» dadurch etwas Aufwind. Anderseits sind die portugiesischen Jugendlichen bei der Lehrstellensuche im Bündnerland oft etwas im Nachteil, weil ihre übrigen Sprachkenntnisse unterdurchschnittlich sind. 
Kulturelle und sprachliche Integration in der Schweiz bleibt ein komplexes Thema bis hinunter zum kantonalen Mikrokosmos.