Die Karten neu mischen und verteilen

28. April 2020
1/2020
«Freiheit und Demokratie in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt stärken …» So lauten Auftrag und Ziel unserer Gesellschaft, formuliert in der Präambel der Bundesverfassung von 1999. Was aber bedeutet Demokratie, wenn in grösseren Städten bis zu 50 Prozent der Personen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren nicht abstimmen und wählen dürfen?
Und was bedeutet Solidarität, wenn der Grundbedarf in der Sozialhilfe  gekürzt wird und abgewiesene Asylsuchende nur noch Nothilfe erhalten?  In der Verfassungspräambel steht auch: «Die Stärke der Bevölkerung misst sich am Wohl der Schwachen.»
Im letzten Parlamentswahlkampf wurden die echten gesellschaftlichen  Herausforderungen elegant umschifft. Weder Gesundheitskosten und Rentenfinanzierung noch das Leben in kultureller Vielfalt noch die Auswirkung  der Digitalisierung auf die Arbeitswelt wurden thematisiert, obwohl uns niemand sagen kann, wie wir diese Herausforderungen in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren meistern können und wollen.
Kleinfamilien sind heute in der Betreuung Angehöriger völlig überfordert. Der Staat stösst bei der Sorge um Schutzbedürftige zunehmend an legitimatorische und finanzielle Grenzen. Die «corporate citizenship» vieler Unternehmen erschöpft sich im Schaffen von Arbeitsplätzen und im Zahlen von Steuern. Und freiwillig Engagierte inner­ und ausserhalb von Vereinen und NGOs wollen weder Lückenbüsser für staatliche Kürzungsmanöver noch Ersatz für bezahltes Personal sein: Der soziale Kitt bröckelt an allen Ecken und Enden.
Der von Jean­Jacques Rousseau verfasste «contrat social» regelte anno 1762 die gesellschaftlichen Pflichten von Staat und Individuum. Die Mitverantwortung von Firmen, NPOs und NGOs für das Gemeinwohl war damals noch kein Thema. Darum wäre es anno 2020 höchste Zeit und notwendig,  über eine sinnvolle, faire und solidarische Neuverteilung der Ressourcen und  Aufgaben, der Verantwortlichkeiten und Kompetenzen aller gesellschaftlichen Akteure zu diskutieren. Wer soll dies wo und wie tun? «Probleme kann  man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind», schrieb Albert Einstein. Darum braucht es zwischen Bubbles von Gleichgesinnten und polarisierten Arenen neue halböffentliche Räume, in denen Staat und Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Individuen gemeinsam, offen und auf Augenhöhe innovative und nachhaltige Lösungen für die grossen  gesellschaftlichen Herausforderungen entwickeln können – und dabei  die Karten der gesellschaftlichen Aufgaben neu mischen und verteilen. »

Prof. Dr.  Lukas Niederbergar Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG)