Die Freiheit des Projekts

4. Juni 2021
2/2021

Das HyperWerk bildet Menschen aus, die «mit anderen zusammen Dinge in Gang bringen».

«Intermediate Bulk Container» dienen zum Beispiel dem Transport flüssiger Stoffe bei der Chemie. Umgebaut eignen sich die quadratförmigen Gitter auch als Fahrradanhänger, dachte sich Raphael Hirschi: Seine Kutschina, eine mobile Fahrradanhänger-Küche, hat es in sich: Solarthermie erzeugt Wasserdampf für einen Dampfgarer, ein Raketenofen dient bei schlechtem Wetter als Heizquelle und ein Photovoltaikpanel ist Dach und Stromquelle. Die Idee: unterwegs kochen, Co2-neutral.
Hirschi gehört zu den Bachelor-Diplomierenden am Institut HyperWerk. Sein Projekt ist eines unter vielen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Fahrende Tische entstehen neben Reisen in die eigene Vergangenheit und einem Quiz, das klären soll, wie stereotypisch die Ernährung ist. Gemeinsamer Nenner aller Projekte am HyperWerk ist die Frage nach dem Zusammenleben in der Zukunft.
«Das HyperWerk ist ein Studiengang an der Kunsthochschule und Teil ihres Gestaltungs- und Designbereichs», erklärt Matthias Böttger, der das Institut seit drei Jahren leitet. Gegründet wurde es 1999 aus der Idee, digitale Tools zu entwerfen, ohne handwerkliche und analoge Aspekte dabei aussen vor zu lassen. Das klingt nicht nur abstrakt, sondern reicht so weit wie die Fantasie der Studierenden: Denn das Studium, so Böttger, ist ein pädagogisches Experiment.
Der sehr freiheitliche Ansatz während des Studiums sei für sie zentral gewesen, sagt Studentin Johanna van Felten: «Durch meine Erfahrung am HyperWerk habe ich überhaupt erst gelernt, was mich interessiert. Das ist eine grosse Herausforderung, weil man im Prinzip nichts muss – alles fusst auf Eigeninitiative.» Für Hirschi hat diese Freiheit bedeutet, scheitern zu dürfen: «Mir gefiel die Idee, dass man durch das Scheitern auch einen schnelleren Lernprozess erzielt. Dadurch habe ich mich auch an Themen herangetraut, die mir sonst womöglich verwehrt geblieben wären.»
Institute wie das HyperWerk seien aus vielerlei Hinsicht zukunftsträchtig, so Böttger. Zwar berge der hohe Grad an Freiheiten für die Studierenden ein gewisses Risiko: «Es ist eben kein Beruf, den andere sofort kennen.» Jedoch würden die meisten Berufe, die heute gelehrt würden, in naher Zukunft vermutlich nicht mehr existieren: «Darum gehen wir davon aus, dass wir an einem anderen Arbeits- und Berufsmodell arbeiten und wir dafür Studierende ausbilden, die sich mit unserer Unterstützung im Grunde genommen selbst ausbilden, kritisch reflektieren und organisieren können – also auch Menschen, die mit anderen zusammen Dinge in Gang bringen.»
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