«Den Kids zeigen, dass sie etwas tun können»

02.12.2021
4/2021
  • Inspiration

Die CO2-Ampel zeigt nicht nur schlechte Luft im Schulzimmer. Sie zeigt den Schülerinnen und Schülern vor allem auch, dass man in schwierigen Situationen etwas tun kann. Markus Leutwyler von make.human.technology hat den Bausatz entworfen.

     

«Unsere CO2-Ampel ist ein Tool zur Wissensvermittlung. Wenn man ein fertiges Produkt kauft, weiss man eigentlich nicht, was drin ist und wie es funktioniert. Wenn man es aber aus Einzelteilen zusammenbaut, programmiert und man sich dann sogar noch mit den erfassten Daten beschäftigen kann, dann sieht das schon anders aus.

Den Verein make.human.technology gibt es schon seit Ende 2019. Die Idee, Wissensvermittlung über Produkte zu betreiben, war schon immer Teil unserer Mission. Uns geht es darum, jungen Menschen Wissen zu technischen Themen zu bieten und damit Technologieängste abzubauen oder dann zu verhindern. Durch die Pandemie kam unser Projekt dann aber in die Praxis, weil durch Covid-19 beispielsweise das Thema Luftqualität jedem ein Begriff war. Wir haben uns also gefragt, was wir da bewegen können.

    

Wenn man ein fertiges Produkt kauft, weiss man eigentlich nicht, was drin ist und wie es funktioniert.

     

Im Oktober 2020 fanden am «Make Zürich», einem grossen Hackathon, lokale Communities mit der Stadtverwaltung zusammen. Dort wurden Ideen gebreakt und neue Lösungen erforscht, die das Leben in der Stadt mithilfe von offenen Netzwerken und ‹Civic Tech› verbessern.

Weil es im Schulrahmen so wichtig sein würde, die Unterrichtsräume zu durchlüften, habe ich mich zunehmend für das Konzept der CO2-Ampeln interessiert: Einerseits, weil es ein Produkt ist, für das es eine gewisse Dringlichkeit gab. Andererseits dachte ich mir, dass man noch mehr davon hätte, wenn man diese selbst zusammenbaut. Bei dem Make kamen wir dann schliesslich mit dem Statistischen Amt Zürich in Verbindung, welches auch gerade etwas zu diesem Thema machen wollte.

Mithilfe des Statistischen Amtes Zürich kam dann schnell die Bildungsdirektion des Kantons hinzu, worauf einige Schulen das Angebot auch gleich ab Dezember des letzten Jahres bestellten. Das Feedback war dabei durchwegs positiv; sei es, weil die Kits leicht und verständlich zu bauen waren oder weil die Schülerinnen und Schüler auch einfach Freude hatten: Häufig waren sie froh darum, endlich etwas ‹machen› zu können.

Das ist aus zwei Gründen sehr interessant: ‹Machen› heisst für mich, dass der ganze haptische Aspekt durch die Virtualität nicht komplett verloren geht; es geht bei uns also auch darum, die materielle Welt mit der hoch technisierten und zum Teil sehr abstrakt virtuellen zu verbinden. Dahinter steckt auch die Frage, wie Menschen und Technik überhaupt zusammenpassen: Weder glauben wir, dass wir an den Ursprung zurückmüssten und man alles Technische vergessen sollte, noch, dass die Technisierung schneller und extremer vorangehen muss. Uns geht es darum, einen guten Weg zu vermitteln, uns nicht selbst zu geisseln, aber doch die Zukunft zu finden.

    

Wir wollen die materielle Welt mit der technisierten, virtuellen verbinden.

     

Das ‹Machen› wurde von den Schülerinnen und Schülern aber auch noch in einen ganz anderen Kontext gesetzt. In einer Zeit, in der eine Hiobsbotschaft auf die andere folgte, waren sie auch einfach froh, die eigenen Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt zu bekommen. Man kann ihnen nicht ständig Angst machen mit Klimawandel, Pandemie und all den anderen Herausforderungen. Man muss ihnen auch zeigen, was sie dagegen tun können. Das Projekt hat aus unserer Sicht darum auch gezeigt, wie wichtig es ist, junge Menschen aus diesem Wissen schöpfen zu lassen.

Noch befinden wir uns am Anfang unserer Reise. In der Zwischenzeit gab es auch ein Projekt, bei dem wir im Aussenraum Feinstaubsensoren aufgebaut haben. Diese wurden zuvor von Schülerinnen und Schülern, aber auch von Privatpersonen aufgebaut. Die Daten haben wir dann einen Monat später gemeinsam ausgewertet.

Jetzt kommt ausserdem gerade das Thema Luftfilter auf, wo es darum geht, Aerosole aus der Luft zu filtern, also nicht nur zu messen. Wir überlegen, wie wir die CO2-Ampel mit weiteren Sensoren erweitern können, damit sie auch andere Aspekte der Luftqualität messen kann. Darüber hinaus möchten wir feststellen, ob es eine Möglichkeit gibt, einen Luftfilter selbst zu bauen – in unserer Vision würden die beiden Geräte am Ende miteinander kommunizieren, sodass auch Regelkreise anschaulich würden. Die Wissensvermittlung durch das Selbstbauen wird also in jedem Fall weitergehen – das sehen wir als unsere Kernmission.»

Aufgezeichnet von Jessica Schön