Das Nützliche mit dem Guten verbinden

28. April 2020
1/2020

Wer sich zur Freiwilligenarbeit bereit erklärt, möchte heute  die eigene Expertise auf einem bestimmten Gebiet verbessern.  Das machen sich die einschlägigen Organisationen bei der  Suche nach Helfern zusehends zunutze.

Acht Jahre in einem Job bleiben, bei dem man nichts verdient? So lange engagieren sich die freiwilligen  Mitarbeitenden der «Dargebotenen Hand» im Schnitt. Ständig stehen 600 «sorgfältig ausgewählte und gut ausgebildete Frauen und Männer» im Dienst der Telefonseelsorge. Die Aufgabe ist so beliebt, dass es sich die Anbieterorganisation leisten kann, eine Warteliste zu führen.
Auch Franco Baumgartner, ehemaliger Geschäftsführer des Verbandes, war zunächst als Berater tätig. Dabei interessierte ihn vor allem die Ausbildung: «Ich war selbst in einer beruflichen Krise. Ich wollte Neues ausprobieren – ohne meinen damaligen Job aufzugeben.»

Die Gesellschaft der Möglichkeiten

Baumgartners Anekdote passt zu dem, was Forscher im Bereich der Freiwilligenarbeit als Tendenz feststellen: «Ohne Zweifel leben wir heute in einer Multi­ Options­ Gesellschaft», erklärt Stefan Güntert, Dozent für  Organizational Behaviour an der FHNW. «Auf dem ‹Arbeitsmarkt der Freiwilligen› ist man begehrt – man kann sich aussuchen, wo man sich engagieren möchte.» Diese Tatsache stellt Nichtregierungs­,  Hilfs­ und andere Organisationen, die auf unbezahlte Mit arbeitende angewiesen sind, zusehends vor grosse  Herausforderungen. Die Kreativität für die Anwerbung von Freiwilligen sei aber enorm, sagt Güntert.
So kommt auch die Beliebtheit der Telefonseelsorge bei der Dargebotenen Hand nicht von ungefähr: Die vorbereitende Ausbildung besticht mit einem hohen Grad an Professionalit.t. Kursteilnehmende lernen, was es für die Gesprächsführung am Telefon zu wissen gilt. Weiterbildungen, Supervisionen und Gespräche mit Fachleuten runden den praktischen Erfahrungsgewinn ab.

Leistung und Gegenleistung

Das Bewusstsein, eine Gegenleistung dafür zu erbringen, sei sehr bedeutend, erklärt Güntert: «Indem sie ihnen das Werkzeug dazu an die Hand geben, machen sich die Organisationen für potenzielle Hilfeleistende interessant.» Gerade auch klassische «karitative» Organisationen gerieten aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung unter Druck. «Sie sind gefordert, Nutzungs- und Interessensaspekte mit der eigentlichen Tätigkeit zu verknüpfen.» Dass intrinsische Motivatoren von Bedeutung sind, bestätigt Franco Baumgartner: «Ich mache Freiwilligenarbeit nicht, um einfach etwas Gutes zu tun, sondern, weil ich genau das möchte und spannend finde.»
«Organisationen tendieren überdies vermehrt dazu, Engagements anzubieten, die eher kurzfristig sind», so Güntert. Im besten Fall engagieren sich die Menschen über das Projekt hinaus, weil ihnen die Tätigkeit gefalle oder weil sie besonders sinnstiftend sei. «Vor diesem Hintergrund ist dieser Ansatz durchaus nachhaltig.»

Einsätze im Internet finden

«In der Schweiz gibt es die Plattform ‹Benevol Jobs›, eine Art Jobbörse für Freiwilligenarbeit», erklärt Güntert. Zwar kämen die meisten Menschen über Mund-zu-Mund-Propaganda zu ihren Einsätzen, ein wenig sei das auch Typsache: «Wer selbst aktiv etwas mitgestalten möchte, kommt über die Plattform vielleicht nicht direkt zum eigentlichen Projekt, kann so aber einen Kontakt zu der einen oder anderen Organisation herstellen.»