Clubhouse: eine App für den Diskurs

4. Juni 2021
2/2021

An Livekonferenzen teilnehmen und mit Prominenz, Politikern und Journalistinnen via App diskutieren oder einfach zuhören: Die App Clubhouse hat die intellektuelle Welt im Sturm erobert: Ist sie der virtuelle Ort, der das Palaver endlich auf Inhalte reduziert? 

Endlich war es so weit: Nachdem ich die Einladung einer Kommilitonin zur trendigen App Clubhouse auf dem iPhone erhalten hatte, geriet ich, nachdem ich einige Tage ein wenig ratlos in der App herumgewischt hatte, in mein erstes Live-Q&A. Die Hosts versuchten mir und über 500 anderen Neulingen den Start auf Clubhouse zu erleichtern.
Denn das Besondere an der audiobasierten Plattform ist eben diese Beschränkung: Während es sich bei Twitter, Instagram, TikTok und Co. längt etabliert hat, dass man auf ein und derselben Plattform Bilder, Videos und Nachrichten verschicken kann, sticht die App Clubhouse insbesondere durch ihren Fokus auf Audiokommunikation in digitalen «Räumen» hervor. Da sassen wir nun also: Menschen aus aller Welt, die sich fragten, was das alles soll – oder zumindest, wie es funktioniert.

Telefonkonferenz – oder doch mehr?

Die Idee hinter Clubhouse ist simpel: Nutzerinnen und Nutzer können ihre Beiträge als Audiodatei in Gruppen senden und so eine Unterhaltung führen. Ausserdem besteht die Möglichkeit, sich mit anderen Nutzerinnen und Nutzern in sogenannten Räumen virtuell zu treffen.
Wer Moderator oder Moderatorin einer solchen Gruppe ist, kann darüber entscheiden, wer reden darf und wer lediglich als Zuhörer oder Zuhörerin teilnehmen kann. Damit besteht gleichzeitig die Möglichkeit, vor einem virtuellen Publikum zu diskutieren.
Tatsächlich schafft Clubhouse dabei eine paradoxe Art von Nähe: paradox, weil man im Grunde genommen nichts darüber weiss, wer sich hinter dem sprechenden Profil verbirgt. Nahbar, weil genau diese Reduktion eine Art von Augenhöhe und Intimität erzeugt. Gemäss der britischen Ökonomin Noreena Hertz haben wir genau das nötig – in einer «Loneliness Economy», in der jeder zum Einzelkämpfer sozialisiert wird.
Wo beispielsweise Instagram auf eine ganz bestimmte Darstellungsform abzielt, setzt Clubhouse ganz auf das gesprochene Wort. Der achtsame Umgang der Partizipierenden sowie das hohe Diskussionsniveau überraschten mich genauso wie der Komfort, den ich wie weitere Teilnehmende während der lockeren Gesprächsrunde empfand – möglicherweise gerade weil genau das in den letzten Monaten nur begrenzt möglich war. Clubhouse trifft damit als virtuelle Plattform genau den Nerv der Zeit.

Exklusiv und elitär

Wer Teil des Clubs sein wollte, konnte dies bis Ende Mai nur als Nutzerin oder Nutzer eines iPhones – die Android-Lösung ist erst jetzt als Beta-Version verfügbar. Darüber hinaus erhält nur Zutritt, wer eine Einladung bekommen hat. Damit vermittelt die App aus San Francisco das Gefühl von Exklusivität, aber auch von Elitarismus. Auf eBay werden Einladungen für rund 60 Franken verhökert. Grundsätzlich ist die App jedoch kostenlos. Nutzerinnen und Nutzer zahlen, wie auch bei anderen Social-Media-Apps üblich, mit ihren Daten.
Laut einem Blogpost der Entwickler sei es das erklärte Ziel, Clubhouse bis Ende des Jahres für alle zugänglich zu machen. Wer gute Podcasts geniesst, etwas über ein bestimmtes Thema lernen möchte oder einfach neue Menschen treffen möchte, kann der App sicherlich etwas abgewinnen; damit brilliert Clubhouse durch einen niederschwelligen Zugang zu verschiedenen Informationen und Lerninhalten. Verbesserungsbedarf besteht in der App bezüglich der Kontrolle dieser Inhalte, beispielsweise im Hinblick auf «Hate Speech».
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