Chancenland Schweiz – zwischen Legende und Wirklichkeit

23. November 2020
4/2020

Die Schweiz gilt zwar nicht als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, doch sie bietet ihren Bewohnerinnen und Bewohnern zweifellos viele unvergleichliche Chancen. Doch was heisst das konkret? Worauf gründet das Chancenland Schweiz, und wie können wir es weiter stärken? 

Die Operation Libero hat sich den Begriff vom «Chancenland Schweiz» auf ihre Fahne geschrieben. Die parteipolitisch unabhängige Bewegung setzt sich für eine offene und fortschrittliche Schweiz ein. «Für eine Schweiz als Chancenland statt als Freilichtmuseum», betont Co-Präsidentin Laura Zimmermann. Es gelte, die liberalen Errungenschaften ebenso wie die Rechte und Freiheiten des Individuums zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Engagiert kämpfte die Operation Libero zum Beispiel gegen die Begrenzungsinitiative. «Deren Annahme hätte nicht nur die Rechte und Chancen der Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz gefährdet, sondern die guten Beziehungen mit Europa grundsätzlich in Frage gestellt und die Zukunft des Chancenlandes Schweiz gefährlich aufs Spiel gesetzt», glaubt Zimmermann.
Die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern, obwohl sie arm ist an natürlichen Ressourcen. Regelmässig erobert «Helvetia» in den internationalen Rankings Spitzenplätze. Beim «Global Talent Competitiveness Index» zum Beispiel, der jeweils anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos verliehen wird, belegte sie in diesem Jahr zum wiederholten Male den ersten Platz, seit 2013 in ununterbrochener Folge. Warum?
«Wir alle profitieren von einem sehr effizienten Bildungssystem, mit Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf Weltklasseniveau, einem sehr dynamischen Netzwerk von Fachhochschulen und einem absolut einzigartigen dualen Berufsbildungssystem», sagt Isabelle Chappuis. Die Ökonomin leitet das FUTURES Lab an der Universität Lausanne (HEC/UNIL). Dieses beschäftigt sich spezifisch mit der Zukunft des Arbeitsmarktes. Chappuis und ihr Forschungsteam untersuchen, wie wir uns mit unseren menschlichen Fähigkeiten und Kompetenzen gegen Roboter und künstliche Intelligenz behaupten können. Chappuis glaubt: «Obwohl viele unserer heute benötigten Fähigkeiten schnell veralten, werden wir den Kampf gegen die stets intelligenter werdenden Maschinen nicht verlieren.» Sie ist zuversichtlich, dass es uns einmal mehr gelingen wird, den technischen und digitalen Fortschritt zu unserem eigenen menschlichen Vorteil zu nutzen. Voraussetzung sei allerdings, dass wir Veränderungen rechtzeitig antizipieren und das Bewusstsein für deren Konsequenzen weiter schärfen würden.               

Grenzgänger sind überproportional innovativ

Die Schweiz hatte in den letzten Jahren einige Krisen zu bewältigen, von der Finanz- über die Franken-/Euro- bis zur aktuellen Coronakrise. Für den Neuenburger Professor Hugues Jeannerat ist die souveräne Art, wie unser Land die schwierigen Situationen jeweils meistert(e), der beste Beweis, dass der Begriff vom Chancenland Schweiz nicht einfach eine leere Formel ist. «Es zeigt, dass wir über die notwendigen personellen, kulturellen, wirtschaftlichen, technischen und politischen Ressourcen verfügen, um auch künftigen Herausforderungen erfolgreich die Stirn bieten zu können.»
Speziell denkt Jeannerat dabei nicht nur an Bildung, Politik und Wirtschaft, sondern auch an die Infrastrukturen, die intakte Umwelt und die Multikulturalität. «Gerade die Multikulturalität ist es, die uns heute entscheidend hilft, jene kreativen und agilen Projekte zu entwickeln und umzusetzen, die notwendig sind, um uns auch in Zukunft einen Spitzenplatz im internationalen Wettbewerb zu sichern.» Diese Aussage unterstreicht eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Basel über die Bedeutung innovativer Grenzgängerinnen und -gänger. Diese sind zum Beispiel in der Pharmaindustrie für bis zu einem Drittel aller Erfindungen an Schweizer Standorten verantwortlich. In Wachstumsbranchen wie IT und Medizintechnologie ist der Innovationsbeitrag der Grenzgänger in letzter Zeit stark gestiegen und vor allem im Genferseeraum und in der Nordwestschweiz krass überproportional.      
Wir alle profitieren von einem sehr effizienten Bildungssystem, einem sehr dynamischen Netzwerk von Fachhochschulen und einem absolut einzigartigen dualen Berufsbildungssystem.
— Isabelle Chappuis
Viele lobende und schöne Worte also für das bildungsfreundliche und weltoffene Chancenland Schweiz! Doch wo begegnen wir ihm? Wo können wir es wirklich erleben? Chappuis verweist auf ihr unmittelbares Umfeld und sagt: «Hier an der UNIL und der EPFL in Lausanne forschen Wissenschaftler und Studierende in sämtlichen Disziplinen an den wichtigsten Zukunftstechnologien.» Chappuis geniesst das Privileg, im Herzen eines pulsierenden Campus arbeiten zu dürfen, wo viele brillante Köpfe Innovationen entwickeln, die die Welt von morgen prägen werden. Tatsächlich sind in Lausanne zahlreiche bahnbrechende Projekte am Laufen, die die Attraktivität des multikulturellen Forschungs- und Innovationsstandorts am Genfersee noch weiter steigern werden. Der renommierte Forschungs- und Entwicklungsplatz lockt nicht nur Grenzgänger, sondern Talente aus der ganzen Welt in die Romandie.

Villigen ist das Herz des Chancenlandes

Michael Liechti, Mitglied der Geschäftsleitung der Erne Holzbau AG in Laufenburg, hat das Herz des Chancenlandes Schweiz in Villigen im Kanton Aargau entdeckt, im «Park Innovaare». Neben dem Paul Scherrer Institut (PSI) entsteht dort das grösste Forschungszentrum der Schweiz für Natur- und Ingenieurwissenschaften. Es bietet Firmen aus der Industrie und der Hochschulforschung ein ideales Ökosystem. «Multidisziplinäre Teams nutzen die hoch spezialisierte Infrastruktur und tauschen sich in Netzwerken mit verwandten Forschungsbereichen aus», sagt Liechti. Dass er Innovaare als Leuchtturm hervorhebt, ist nicht ganz zufällig: Erne Holzbau realisiert nämlich den 38'000 m2 grossen Neubau mit seinen Reinräumen, Forschungslaboren und Einrichtungen für Wissenschaftler und Hightech-Start-ups.
Das Unternehmen zählt in seiner Branche selbst zu den Pionieren. Es hat unter anderem die ersten Holzhochhäuser der Schweiz in Rotkreuz gebaut. Das zehnstöckige Bürogebäude «Suurstoffi 22» etwa ist nach den strengen Normen der Nachhaltigkeit und mit innovativster Technik errichtet worden. Das visionäre Bauen von Erne Holzbau fundiert auf einem regen Austausch mit Forschern der ETH und der Fachhochschulen. «Diese Zusammenarbeit an der Forschungsfront macht es erst möglich, den nachwachsenden Rohstoff Holz als CO2-senkenden Baustoff der Zukunft zu profilieren», betont Liechti.            
Multidisziplinäre Teams nutzen die hoch spezialisierte Infrastruktur und tauschen sich in Netzwerken mit verwandten Forschungsbereichen aus.
— Michael Liechti

Kreisläufe statt Abläufe

Apropos Nachhaltigkeit: Sie lässt sich vielleicht am besten am Umgang einer Gesellschaft mit ihrem Abfall messen. Die Schweiz erntet zwar mit ihren ausgeklügelten Sammelsystemen und den hohen Recyclingquoten im internationalen Vergleich regelmässig Bestnoten. Allerdings sind wir auch Weltspitze beim Verbrauchen und Konsumieren. Der Branchenverband Swiss Recycling hat deswegen die Initiative «Drehscheibe Kreislaufwirtschaft Schweiz» ins Leben gerufen. «Alle Produkte sollten künftig möglichst ohne Abfall gefertigt, lange genutzt, repariert, wiederverwertet oder in die natürlichen Systeme zurückgegeben werden», erklärt Patrick Geisselhardt, Geschäftsführer Swiss Recycling. In der nachhaltigen Kreislaufwirtschaft wird also weder verbrannt noch weggeworfen. Im künftigen System sollen Ressourcen und die Umwelt geschont werden, ohne dass deswegen auf eine florierende Wirtschaft verzichtet werden muss.
Geisselhardt ist überzeugt, dass die Schweiz bei diesem anspruchsvollen Prozess eine Leaderrolle übernehmen kann. Allerdings wünscht er sich von den Beteiligten und den Entscheidungsträgern mehr Mut und Entschlossenheit. «Wir sollten in der Schweiz nicht abwarten, was die EU macht», mahnt er. Die Kreislaufwirtschaft mag in manchen Ohren vorderhand nach einer Utopie klingen, doch die Umsetzung ist bereits im Gange. Nebst Forschungs- und Innovationsgeist werden dabei auch typisch schweizerische Eigenschaften wie Fleiss, Disziplin und demokratisch ausgehandelte Rahmenbedingungen weiterhelfen. Geisselhardt räumt jedenfalls unserem Land beim gewünschten Wandel zur Kreislaufwirtschaft nicht zuletzt aufgrund dieser Tugenden gute Chancen ein.

Konsenskultur schafft Innovation

Im Unterschied etwa zu den USA sind im Chancenland Schweiz Gewinnstreben und Profitmaximierung nicht die alles beherrschenden wirtschaftlichen Antriebe, lautet eine These. Tatsächlich berücksichtigen die Firmen, Organisationen und Institutionen in der Schweiz in weitaus höherem Masse auch ethische und soziale Werte als etwa Trumps Gefolgsleute, manchmal aus eigenem Antrieb, letztlich aber, weil die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sie dazu verpflichten.
Dies mag entscheidend zur gesellschaftlichen Stabilität beitragen, doch gemäss Michael Liechti ist es kein Argument für die erwähnte These. «Die Formel vom ‹Chancenland Schweiz› existiert meines Erachtens sowieso nicht», meint er. Zumindest von ihren europäischen Nachbarländern hebe sich die Schweiz mit ihren Grundwerten nicht sonderlich ab. Das Land habe in der Vergangenheit öfters einfach Glück gehabt, «etwa wenn wir von Kriegen verschont worden sind». Heute wäre dieses «Heraushalten» kaum mehr möglich, «denn wir sind mit unseren Nachbarn geradezu schicksalhaft verbunden. Unsere Chancen können wir folglich am besten wahren, indem wir offen und im Dialog mit anderen chancenreichen Ländern zusammenarbeiten», so Liechti.  
Isabelle Chappuis attestiert der Schweiz eine hoch entwickelte Konsenskultur und damit ideale Voraussetzungen für jenes kollaborative Arbeiten und co-kreative Innovieren, wie es in einer agilen und digitalisierten Welt unverzichtbar geworden ist. Der einsam herumtüftelnde Ingenieur hingegen ist darin ein Fossil, denn Innovation ist mittlerweile meistens ein zielorientiertes Gemeinschaftsvorhaben, bei dem die Beteiligten mit vereinten Kräften eine nachhaltige Lösung anstreben. «Das spriesst und gedeiht am besten auf dem Boden unserer Konsenskultur», sagt Chappuis.       
Zu den weiteren Charakteristiken des Chancenlandes Schweiz zählen die überschaubare Grösse, gute Verkehrsverbindungen und eine flächendeckende und dichte Besiedlung. Statt Distanz also überall Nähe! Das führt dazu, dass nicht nur in Lausanne, Zürich und Villigen, sondern auch im Toggenburg innoviert wird, in Lichtensteig (SG). Das Städtchen blickt auf eine stolze industrielle Vergangenheit zurück, dessen textile Hochblüte allerdings schon weit zurückliegt. Im «Macherzentrum» soll nach Jahrzehnten des Niedergangs die wirtschaftliche Abwärtsspirale endlich durchbrochen werden. Das ehrgeizige Ziel der Initianten lautet, die Region Toggenburg in den nächsten 20 Jahren zum innovativsten ländlichen Raum der Schweiz zu entwickeln. Die eigentliche Keimzelle der Erneuerung ist der Coworking-Space in den Räumen der ehemaligen Post, ein Knotenpunkt für Jungunternehmer/innen.

Raus aus der Komfortzone

Remo Rusca, Mitinitiant des Macherzentrums, hält, wenn es um die Zukunft des Chancenlandes Schweiz geht, wenig von globalen Rankings zu Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. «Um die Chancen wirklich zu nutzen, müssen wir die Komfortzone verlassen und uns ins Unbekannte vorwagen», ist er überzeugt. Technologische Fortschritte nach dem Vorbild des Silicon Valley seien zwar gut, aber auf die Dauer ungenügend, kritisiert er. Noch viel wichtiger sei ein menschlicher Ansatz mit überschaubaren dezentralen Team- und Verantwortungsstrukturen und grossen Freiräumen. «Wenn diese Freiräume richtig bespielt werden, offenbaren sich spezielle Chancen, die in der sonst üblichen Komfortzone des Innovierens gar nicht erkannt werden», so Rusca, der das Modell des Macherzentrums Lichtensteig in weiteren ländlichen Räumen der Schweiz multiplizieren möchte. «Jede Region der Schweiz sollte bald schon über mindestens einen solchen Ort verfügen, der offene und partizipativ gesinnte Menschen mit agiler Innovationslust anzieht.»
Das Macherzentrum symbolisiert in jedem Fall eine weitere Qualität des Chancenlandes Schweiz, nämlich die Fähigkeit, sämtliche Ressourcen zu mobilisieren. Und tatsächlich: Ob City oder Bergtal, überall sind die Menschen gleichermassen bestrebt, mit den vorhandenen Ressourcen eine optimale Wertschöpfung zu erzielen und ihre Chancen möglichst vielseitig zu nutzen.
Die Universität Neuchâtel hat 2017 einen Master of Innovation lanciert. Speziell an der neuen Ausbildung ist die Interdisziplinarität, mit Beteiligten der Rechts- und der Wirtschaftsfakultät sowie der Humanwissenschaften. Jeannerat, Co-Leiter des neuen Masterstudiengangs, sagt: «Wir konfrontieren die Studierenden bei der Recherche und Lösungsentwicklung mit aussergewöhnlichen Blickwinkeln, sodass sie ihr kreatives Potenzial erweitern und noch besser entfalten können.» Beim Stichwort Innovation denkt er spontan an bekannte Start-ups wie Doodle, Freitag, Solar Impulse oder – als Pionier der Sharing Economy – Mobility. Allerdings geschehe Innovation längst nicht nur auf der Ebene der Unternehmen, gibt er zu bedenken. «Die Schweiz ist nicht einfach Innovationschampion in der Kategorie neuer Produkte. Ihre Innovationsstärke ist vielschichtiger. Sie umfasst die Entwicklung neuer lokaler Wertschöpfungs- und Ökosysteme im menschlichen Massstab.» Mit dem Vorteil, dass alle Arbeitsfähigen in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten.
Um die Chancen wirklich zu nutzen, müssen wir die Komfortzone verlassen und uns ins Unbekannte vorwagen.
— Remo Rusca
Klar scheint: Damit die Legende vom Chancenland Schweiz auch in Zukunft weiterlebt, werden wir um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen nicht herumkommen. Jeannerat wünscht sich, dass der Beitrag der Schweiz zur Welt von morgen zu einem Markenzeichen der Innovation wird, zu einem Label «Swiss Innovated». Und: «Um dem Chancenland Schweiz auch in Zukunft gerecht zu werden, könnten unsere Unternehmerinnen und Unternehmer ruhig noch eine Spur proaktiver und kreativer werden; einfach opportun nach den Chancen zu greifen, wie sie sich gerade auf dem Markt bieten, wird künftig kaum mehr genügen.»
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